Berlin : Der Flugzeug-Schatten trieb die Vögel in den Tod

Eine Transportmaschine der Bundeswehr überflog eine Straußenfarm. Die Tiere gerieten in Panik und verendeten. Jetzt klagt der Züchter

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Neulöwenberg Seine goldene Halskette funkelt in der Sonne, die Haare kleben schweißnass im Nacken, als Frank Winkler in die Luft über seinem Gasthof zeigt. Da sei sie hergekommen und riesig sei sie gewesen, sagt er. Eine Transall C160, ein Versorgungsflugzeug der Bundeswehr, im Tiefflug über seinem Land. Winkler lebt in Neulöwenberg, 50 Kilometer nördlich von Berlin. Ein Ort, so klein, dass er nicht mal ein richtiges Ortsschild hat. Aber dafür gibt es hier etwas Exotisches: die „Straußenfarm Winkler“.

Die Frau, der Sohn und er, Frank Winkler, Fuhrunternehmer und heute 44 Jahre alt, haben sich im April vor vier Jahren etwas getraut. Sie haben auf den zwölf Hektar Land, die ihnen in Neulöwenberg gehören, Zäune gezogen, haben ein Auto mit Anhänger gemietet, sind nach Köln gefahren und in derselben Nacht zurück. Hintendrin hatten sie sechs Strauße. Zwei Männchen, vier Weibchen, weil Strauße in Trios leben. Als die Nachbarn die flugunfähigen Riesenvögel sahen, sagten sie den Winklers: Ihr spinnt doch. Für die Winklers war es der Anfang einer Farm, die sie mal ernähren soll.

Frank Winkler wischt sich mit dem Arm den Schweiß von der Stirn. Er ist braun gebrannt und breitschultrig mit Bauch. Vom Bier, sagt er und klopft drauf. Er will 7869,05 Euro von der Bundeswehr haben. Schadenersatz. Die Transall habe neun Strauße so in Panik versetzt, dass die sich verletzten (drei) oder vor Stress nicht mehr fraßen und verhungerten (sechs). Er hat den Betrag genau ausgerechnet. Was er an den Tieren, die gut zwei Jahre alt waren, verdient hätte. An Fleisch, Innereien, Federn, Leder. Er habe nur Mittelwerte angelegt, sagt er. Er wolle mit der Sache nicht reich werden.

Mittwoch, 8. Dezember 2004, ungefähr 14 Uhr. Die Transall schwebte mit ihren 40 Metern Spannweite über die Farm. Man habe sie nicht kommen hören, sagt Winkler. Dann das Unglück: Als treibe die Maschine die Tiere vor sich her, seien die vor ihrem Schatten geflohen, schnell und panisch – bis der Zaun sie stoppte. Winkler holte den Veterinär, seine Frau setzte sich ans Telefon, um herauszufinden, wieso die Maschine so niedrig geflogen war. Alle rief sie an, die Polizei in Gransee, die Flugüberwachung in Tegel, Tempelhof, Schönefeld, das Bürgertelefon der Bundeswehr für Tieffluglärm. Der Veterinär tötete drei Tiere, die ihre Beine gebrochen hatten, der Abholdienst der Tierkörperbeseitigungsanlage wurde bestellt.

Gerade ist eine Seniorengruppe da, um die Farm zu besichtigen. Den Gasthof, in dem man an hellen Tischen Straußengerichte essen kann. Straußenfleisch ist dunkel und fettarm. Den Hofladen, in dem man Straußenprodukte bis zum Likör aus Straußenei kaufen kann. Und natürlich die Strauße selbst, das exotische Federvieh. Winkler macht Farmführungen, die kosten 2,50 Euro und lassen keine Frage offen.

Die Bundeswehr wollte nicht zahlen. Laut Radaraufzeichnungen sei die Transall hoch genug gewesen, heißt es. 500 Fuß, 150 Meter. Winkler sagt, es seien keine 100 Meter gewesen. Er hat geklagt, am 1. Dezember wird das Verfahren in Neuruppin eröffnet. Auch mit Ballonfahrern hatte Winkler schon Ärger. Wenn die niedrig über die Strauße hinwegziehen, um zu gucken, rennen die Tiere vor Schreck in den Zaun. Zwei Ballonen ist er hinterhergefahren, bis sie gelandet sind, und hat Schadenersatz geltend gemacht.

Die Senioren sitzen auf Holzbänken hinter dem Gasthof, ein Verandadach hält die Sonne ab. Einen Meter weiter beginnt das Jungstraußgehege, bräunliche Federkugeln mit langen Beinen unten und langem Hals und kleinem Kopf oben drängen sich am Zaun. Sie schnappen nach Gras oder gucken auf die Besucher, es ist ein ständigen Recken und Ducken, und kein Pieps zu hören, Strauße sind leise Tiere. Winkler erzählt über die seltsamen Vögel. Dass ausgewachsene Strauße mit der Kralle, die sie auf ihrem Zeh haben, einen Menschen töten können. Dass sie keine natürlichen Feinde haben. Dass sie so schnell wachsen wie kein anderes Tier. Dass sie Essen herunterschlingen und Steinchen hinterher, die im Bauch alles zermahlen. Dass Strauße Verwandte der Dinosaurier sind. Tatsächlich ist es ein bisschen wie im Dinopark hier. Die Tiere, die hier so fremd wirken, die staunenden Besucher.

Winkler zeigt Federn (antistatisch) und Eier (handballgroß) und die Senioren sagen „wie weich“ und „wie glatt“. Sie gehen zu einem Gehege mit größeren Tieren, denen Winkler Äpfel hinwirft. Ungekaut rutschen die in den Hälsen nach unten. Was mit der Vogelgrippe sei, fragt ein Herr. Man könne die Tiere nicht einsperren, sagt Winkler. Der Stress würde sie umbringen. Wie damals die sechs, die den Tiefflug nicht überlebten. Standen apathisch herum, wurden immer dünner. Am Ende der Anruf beim Veterinär.

Ungefähr 150 Strauße hat Winkler heute. Das Fleisch vermarktet er über seinen Hofladen. Man kann auch Kremserfahrten bei ihm buchen. „Ich habe drei Arbeitsplätze geschaffen“, sagt Winkler. Und er habe keine Lust mehr, dass andere Regeln brechen und ihm seine Strauße kaputt machen. So sagt er das: Die Strauße sind kaputt gegangen.

Straußenfarm Winkler, Neulöwenberg, Telefon (033094) 50 907

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