Berlin : Der Ford braucht 50 Kilo Holz auf 100 Kilometer

Technikmuseum öffnet sein Depot und zeigt historische sowie kuriose Fahrzeuge/Vom Wasserwerfer bis zum Dampfpflug

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Von Annette kögel

„Also wissen Sie“, flüstert Erika Dath und hält die Hand schützend vor den Mund, „manchmal denkt man sich da seinen Teil.“ Wenn Bahnenthusiasten, wie ihr Mann einer ist, bei Sonderfahrten zum Fotostopp aus dem Zug springen, zum besten Aussichtspunkt hechten und Konkurrenten, die ins Bild laufen, zuweilen gar mit Steinchenwürfen strafen. Zum Glück geht es nur manchmal mit ihnen durch. Und die Besucher im Oldtimerdepot des Deutschen Technikmuseums an der Monumentenstraße verhalten sich am Sonntag wirklich alle hochkorrekt.

Sie gehören eher zur Gattung von Nahverkehrs-Freunden wie der 67-jährige Herbert Wesenack aus Marienfelde, der wie das gesamte Aufsichtpersonal ehrenamtlich hilft und an den Gefährten schätzt, „dass da noch was lebt und sie noch nicht so seelenlos sind“.

In der bis auf den letzten Quadratzentimeter voll gestellten Halle riecht es nach Metall, Öl und Holz. Die Stasi-Karosse „Linientreu ZIL 114“ von 1969 im Straßenkreuzer-Look ist hier ebenso zu sehen wie der „Daimler Straight Eight“ von 1939 mit Jaguar-Gesicht oder der 52-er „Opel Kapitän“ im Rüsselsheimer Barock. Was es nicht alles gibt! Den „Ford Holzvergaser“ zum Beispiel. 1936 brauchte er auf 100 Kilometer entweder 25 Liter Benzin oder 50 Kilo Holz. Und einen „Tankstopp“ alle 20 bis 50 Kilometer. Auf dem Abstellgleis landeten auch Elektro-Postwagen und Pferdeeisenbahn. Pfiffig, der „FaWoBo“-Wohnwagen von 1955. Fahren, wohnen – und schippern: einfach das Dach zu Wasser lassen. Weniger einladend wirken der Wasserwerfer in Polizei-Blau von 1966 – oder der T-34-Panzer, verrostet zwar, aber dafür „beteiligt an der Niederwerfung des faschistischen deutschen Reiches“. Da habe er mal drin gesessen, erzählt ein 68-Jähriger aus Marzahn.

Geschichte überall. An den alten Bushaltestellen, den Fahrkartenhäuschen, der Magnetbahn, der Handdruckspritze, dem Dampfpflug. Und auf den Fotos, in den Funkbetriebsanleitungen, den Knöpfen und Abzeichen am Tisch von Bernd Wichmann und Hans Koch. 60 000 Fotos besitzt jeder von ihnen, mindestens, vor allem Straßenbahn und BVG. „In der Sammlerszene hat jeder einen n, wie ein Schauspieler“, sagt Koch. Da darf der „Galoppwechsler“ – das Schaffnerzubehör fürs Kleingeld - um den Hals nicht fehlen.

Zuletzt noch eine besonders ausgefallene Rarität: „Stromlinienbus in Eigenbau“ auf der Basis Opel Blitz. Damit jetzt eine Runde drehen, allein und ohne Steinchenschmeißer.

Depotbesichtigung der Exponate aus der „Abteilung Kommunalverkehr“ noch an den beiden kommenden Sonntagen im September. Die Halle liegt an der Monumentenbrücke, Zubringer-Bus alle halbe Stunde ab Technikmusuem, Trebbiner Straße 9 (10 bis 18 Uhr).

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