Berlin : Der freundliche Polizist

Katja Füchsel

Nico ist extra fürs Wochenende angereist. Und nun kann der junge Mann mit dem Irokesenschnitt, Che-Guevara-Shirt und Springer-Stiefeln überhaupt nicht verstehen, weshalb die Polizei ausgerechnet seinen schwarzen Rucksack an der Kreuzberger Oranienstraße durchsuchen will. Hauptkommissar Torsten Jentsch kann es ihm erklären. In aller Ruhe. Fünf Minuten lang.

Jentsch gehört zu der Arbeitsgruppe der Polizei, die sich AHA (Aufmerksamkeit, Hilfe, Appelle) nennt und im Rahmen eines "Deeskalationskonzeptes" dafür sorgen soll, dass den Autonomen die Mitläufer ausgespannt werden. Über den Oranienplatz schlendern paarweise 28 Beamte der "Anti-Konflikt-Gruppe", Markenzeichen: schwarzes Basecap. Und worüber plauscht man so mit den Besuchern zwischen Bühne und Wannen? Drei Gruppen müsse man unterscheiden, sagt ein Schlichter. "Die, die hier mit viel Alk abfeiern, die Anwohner und die politisch Motivierten."

Der Kandidat der ersten Kategorie taucht wenige Sekunden später neben dem Beamten auf. "Du schuldet mir zwei Mark", lallt er mit Bierdose und glasigem Blick. "Zwei Mark haben die fürs Pinkeln genommen: Die schuldest Du mir jetzt." Der AHA-Beamte lacht, tätschelt dem Mann die Schulter. Ja, ja, sicher. Alles Gute. Schönen Tag noch.

Die Nachbarn nutzen die Basecap-Polizisten als Buschtrommel. Lassen sich Neuigkeiten aus Hellersdorf mitteilen oder diskutieren die Gewalt-Prognose. Die Anwohner sind mit der Polizei einig: "Je ruhiger der Tag verläuft, desto besser." Der Small-Talk hapert nur mit der dritten Gruppe zuweilen. Und auch Nico bleibt mit seinen Freunden lieber unter sich. Übertrieben klingt die Erklärung des Polizisten nicht. "Da ist eben noch eine gewisse Sperre da."

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