Berlin : Der Frost lässt sie kalt

Fließendes Wasser gibt’s nicht, aber Spaß macht es trotzdem: Ein Besuch bei Winter-Campern in Gatow

Thomas Loy

Der Campingplatz Gatow ist voller Campingwagen, aber nur wenige Menschen drin. Das sind die Dauercamper, die zu Unrecht so heißen, weil sie gar nicht dauernd campen, sondern nur den Anschein erwecken. Karl-Heinz Hinrich hat gerade seinen Anhänger inspiziert.

Alles in Ordnung soweit, nur die Innentemperatur fällt unangenehm auf: minus sieben Grad. Campen möchte Ruth Hinrich, seine Frau, unter diesen Bedingungen nicht. „Mit 80 Jahren muss das nun wirklich nicht mehr sein." Sie presst ihren Pelzmantel noch enger an den Körper und geht schon mal Richtung Auto. Karl-Heinz erzählt noch vom letzten Wintercampen im Bayerischen Wald. War nicht so toll. War mehr Regen als Winter.

Das Vorurteil des Nicht- Campers bestätigt sich: Campen im Winter ist saukalt und grausam. Oder etwa nicht? Klaus-Eberhard Lehmann, Vorsitzender des Deutschen Camping-Clubs, Landesverband Berlin: „Das Wintercampen ist seit Jahrzehnten sehr beliebt." Er selbst erinnert sich an einen sehr schönen Winteraufenthalt im Bayerischen Wald. „Da sitzt man im Unterhemd auf dem Sofa und schaut zu, wie es draußen schneit." Mit Bibbern im feuchtkalten Zelt hat das nichts zu tun. Lehmann bewohnt ein mobiles Heim mit „Warmwasserzentralheizung". Sogar der Fußboden wird dabei kuschelig warm. Rein technisch sei das Kälteproblem im Campingwagen längst gelöst, sagt Lehmann. Verfeuert wird auf überwiegend Propangas aus Flaschen. Probleme gibt es erst bei minus 30 Grad. Dann wird das flüssige Gas fest.

Vier Berliner Campingplätze sind laut Tourismus-Marketing-GmbH auch im Winter geöffnet, einer in Köpenick, drei in Spandau. Gäste kommen vor allem zu einzelnen Großereignissen wie Silvester oder jetzt die Grüne Woche. Dann sind die drei Plätze des Deutschen Camping-Clubs zu etwa einem Drittel belegt. Die Gebühren sind die gleichen wie im Sommer, allerdings gibt es Sonderangebote: fünf Tage zahlen, sieben Tage bleiben.

Hans Hansen aus Hamburg, ehemals Maschinenschlosser, bleibt trotzdem nur fünf Tage. 60 Euro inklusive Strom wird er dann ausgegeben haben. Den Diesel noch nicht eingerechnet. In drei Stunden verfeuert seine Standheizung einen Liter. Hansen macht sich in T-Shirt und offener Sportjacke auf den Weg zum Toilettenhaus über die beißende Kälte lacht er einfach hinweg. Wenn er von seinen Streifzügen durch das neue Berlin mit dem Bus X 34 nach Hause kommt, muss er nur 80 Meter bis in seine vorgeheizte Kammer laufen. Dann beginnt der Fernsehabend. Schade ist nur, dass er frostbedingt kein fließendes Wasser hat.

Doris und Friedrich Oberländer aus Stuttgart haben sich spontan entschieden, mit ihrem Campingwagen ins winterliche Berlin zu fahren. Dann ist die Schlange vor dem Reichstag nicht so lang und die Stadt nicht so voll. Das Innenthermometer an ihrer Tür zeigt 21 Grad. Doppelte Fenster und Wandisolierungen halten die Bude warm. Neben der Sitzbank arbeitet Tag und Nacht eine Gasheizung mit Umluftsystem. Eine 11-Kilo-Gasflasche reicht für zwei Tage und kostet rund 15 Euro.

Die Damen im molligen Büro des Camping-Clubs erzählen die Geschichte der zwei Australier, die zu Weihnachten mit Rucksack und Zelt anrückten. Ob sie nicht eine mobile Heizung haben möchten, hatte Frau Hartmann noch gefragt. Die Australier lehnten ab und blieben sogar noch eine weitere Nacht. Zwei Engländer kamen mal mit Zelt, auch zwei Italiener. Frau Hartmann kann für so viel Opferbereitschaft kaum Verständnis aufbringen.

Und dann findet sich doch noch eine echte Dauercamper-Familie. Sie kommt aus Niedersachsen und ist seit dem 22. Dezember zu Gast in Gatow und wird wahrscheinlich bis zum Frühjahr bleiben. Nancy L. lehnt sich mit verschränkten Armen gegen die Tische im kalten Vorzelt. Sie sieht etwas mitgenommen aus. Sie schimpft. An der Zelthaut haben sich kleine Wasser-Rinnsale gebildet, seitdem der Gasofen aus ist. Nur wenn er mit maximaler Leistung bollert, wird es warm und trocken.

Die L.s haben überstürzt ein kleines Häuschen zur Miete verlassen müssen und suchen nun im Berliner Umland ein günstiges Grundstück, um ein eigenes Haus zu bauen. Bis sie was gefunden haben, leben sie mit zwei Kindern und Hund im Wohnwagen. Freiwillig würde sie nicht im Winter campen, sagt Nancy L. Zu Silvester war noch was los auf dem Platz, doch meistens ist es ziemlich einsam. Ashley, 6, möchte hinaus in den Schnee, aber ihre Mutter hält das für keine gute Idee. „Draußen wirst du mir nur krank."

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben