Berlin : Der Funke konnte nicht zünden

In Kreuzberg und Friedrichshain war der Krawall gewollt – doch die Strategie der Polizei gegen die Randalierer war erfolgreich

Frank Jansen

Es waren viele Zutaten für die große Randale vorhanden – in der Walpurgisnacht in Friedrichshain genauso wie am Abend des 1. Mai in Kreuzberg. Am Boxhagener Platz hatten sich hunderte Punks beim Konzert einer Hardcore-Band in Wut auf „Bullenschweine“ gegrölt und gesoffen. In Kreuzberg heizten Wortführer der radikalen Linken, darunter Ex-Terrorist Ralf Reinders, mehreren tausend Anhängern ein. Die dann mit Parolen wie „no justice, no peace – fuck the police“ das Wunschprogramm für die nächsten Stunden kundtaten. An beiden Abenden war der Wille zum Krawall, zur Schlacht mit der verhassten Polizei, unüberhörbar. Wie schon seit 20 Jahren. Dennoch konnte sich das beachtliche Potenzial der Möchtegern-Streetfighter nicht richtig entfalten. Dank einer flexiblen Polizeistrategie, die bereits in den vergangenen zwei Jahren funktionierte und sich nun erneut bewährt hat. Und dann noch mit deutlich weniger Beamten als früher.

In der Walpurgisnacht sicherte eine dreistufige Taktik den Erfolg der Polizei. Erstens: Die Beamten nahmen freundlich, aber rigoros an allen Zugängen zum „Boxi“ den Besuchern die Bierflaschen weg – das Wurfkörperarsenal war empfindlich verringert. Zweitens: Permanent waren Polizeitrupps in der Menge unterwegs, die Punks und andere Feierabendrebellen konnten nie eine Art Straßenfront bilden. Die Beamten in Kampfdress und Helm wirkten allerdings angesichts der ständigen Rennerei bald ziemlich gestresst. Drittens: Ausbrüche von Krawallgruppen in die benachbarten Straßen waren angesichts der dichten Polizeiketten rings um den Platz unmöglich. Plötzlicher Barrikadenbau samt Zündelei im Rücken der Beamten blieb aus.

In Kreuzberg waren genug Flaschen unterwegs, hier hätte die Polizei schon wegen des viel größeren Areals keinen Pappbecherzwang durchsetzen können. Doch es half schon, dass die klassischen Randalezonen nördlich und südlich der Oranienstraße wie in den vergangenen Jahren komplett von Privatfahrzeugen geräumt waren. Als gegen 21 Uhr 30, nach dem Ende der „Revolutionären Demonstration“, auf der Wiener Straße ein großer Mob mit dem Willen zur verschärften Party aufbrach, mangelte es an Material für ein loderndes Fanal, das Mitläufer und Gaffer angelockt hätte. Die Meute fand bei dem wirren Zickzacklauf durch das Myfest keinen Pkw. Der erzwungene Verzicht auf ein flammendes und stark qualmendes „Starter Kit“ verzögerte den Ausbruch von Krawall. Außerdem bot die Polizei kaum eine Angriffsfläche. In der Naunynstraße standen ein paar Beamte hinter dem verschlossenen Gittertor der Einfahrt eines Wohnhauses, prompt flogen Steine. An die Polizisten selbst kamen die Randalierer nicht ran.

Und das Myfest selbst hemmte den Zug der Gewaltsuchenden. Auf der Oranienstraße mussten sie sich an einer Bühne vorbeizwängen, auf der eine Band unverdrossen weiterspielte. Durch dasselbe Nadelöhr hatte sich zuvor schon die Revolutionäre Mai-Demo gequetscht. Als die Krawalltruppe dann zur breiten Wiener Straße durchtröpfelte und erste Polizeitransporter in Sicht kamen, wurden erst nur wenige Flaschen und Steine geworfen. Die herbeisprintenden Beamten konnten die Menge schnell zerstreuen. Die Hassfraktion sammelte sich wieder in der Oranienstraße und auf dem Heinrichplatz. Dann folgte die Wiederholung vom Vorabend: Trupps dick gepolsterter Polizisten rannten über den Platz und in die Straßen, nahmen Steinewerfer fest oder blieben an einer Ecke stehen. Nach und nach erlosch die Revolte. Die Konzerte wummerten weiter.

Vielleicht fehlte auch ein Teil der radikalen Linken, um die Teilnahme an Protesten gegen den G-8-Gipfel im Juni nicht zu gefährden. Das Fußvolk der Randale war jetzt eher punkig-halbstark. Oder sollte von den einst gefürchteten Autonomen nicht mehr übrig geblieben sein?

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