Berlin : Der Fußball-Konsul Ihrer Majestät

Die britische Botschaft hat einen WM-Beauftragten

André Görke

Der „Daily Star“ hat sich vor einiger Zeit eine überaus nette Geschichte einfallen lassen. „Germans ban us boozing at World Cup!“, schrieb die Zeitung empört auf ihrer Titelseite, was übersetzt so viel heißt wie: „Die Deutschen verbieten uns das Saufen bei der WM!“ Um diese, sagen wir, sehr exklusive Geschichte hübsch zu illustrieren, grüßte von der Titelseite eine Frau mit einem großen Bierkrug in der Hand. Natürlich hatte sie geflochtene, blonde Zöpfe, und natürlich trug sie ein Dirndl. Die bunte Geschichte ist auch auf dem Schreibtisch von Andy Battson gelandet, in der britischen Botschaft. Battson, 39, ist „WM-Konsul“ des Vereinigten Königreichs, das steht wirklich auf seiner Visitenkarte.

Fast 9000 Briten leben in Berlin, mehr als 200 000 Touristen kommen jährlich allein aus England in die Stadt. Und Battson schätzt, dass gut 100 000 Fans die englische Nationalmannschaft im Sommer durch Deutschland begleiten werden.

Wilhelmstraße, britische Botschaft, erster Stock. In einem schmalen Büro mit Blick auf den Innenhof sitzt Battson. „Ich mag Vorurteile nicht“, sagt er. Die Geschichte mit dem angeblichen Saufverbot war auch insofern ein Eigentor, weil der Eindruck entstand, die Engländer hätten sonst keine Probleme. Man solle bitte nicht alles so ernst nehmen, was in England erzählt werde, sagt Battson. Zumal dieses „Krautbashing“ noch harmlos war, gemessen an Liedern wie „Ten German Bombers“, in dem nach der Melodie des Liedes „Zehn kleine Negerlein“ die britische Luftwaffe ein deutsches Flugzeug nach dem anderen abschießt.

„Hier, schauen Sie“, ruft Battson und zupft an seinem bordeauxroten Fußballtrikot von West Ham United, seinem Lieblingsverein in London. „Ich entspreche auch nicht dem Klischee eines Attachés.“ Er kratzt sich demonstrativ am Bart, streicht über die Stoppelhaare und erwähnt, dass er mit einer Deutschen verheiratet sei. Dass er für die englische Botschaft bereits in Bonn gearbeitet hat, aber auch in Trinidad & Tobago und Indien, das erwähnt er nur kurz nebenbei. „Früher“, sagt Battson, da haben sich die deutschen und englischen Hooligans zu Schlägereien verabredet. Zuletzt 2001 vorm Länderspiel in München, als mehr als 600 Hooligans die deutschen Ermittler austricksten und sich einfach einen Tag vorher in Frankfurt am Main zur Schlägerei trafen.

Zur Fußball-WM in diesem Jahr haben 3200 englische Hooligans Ausreiseverbot (und das heißt etwas auf einer Insel, die man ohne Passkontrolle nicht verlassen kann). Zur WM werden vor allem die „Shirts“ erwartet, normale Jungs, und die „Lads“, Burschen. Die Zeit der „Big Guys“ sei vorbei, sagt Battson. Vier Prozent, „maximal“, könnten im Sommer noch gefährlich werden, sagt er. Als es bei der Europameisterschaft 2004 in Portugal mal Ärger gab, habe das vor allem an einheimischen Jugendlichen gelegen, die von der portugiesischen Polizei verscheucht werden mussten. Deutsche Ermittler sehen das ähnlich. Sie befürchten in Berlin, dass viel Ärger von provozierenden Jugendlichen ausgehen könnte.

„Ich will Ihnen was zeigen“, sagt Battson, springt auf und zückt ein Faltpapier aus seinem Portmonee, auf dessen Oberseite die Löwen des englischen Verbandes gestickt sind. Auf einem Faltblatt stehen die Regeln und wichtigsten Tipps für englische Fans. Wie man ein Bier bestellt, was Danke heißt, und was die britische Botschaft tun kann. Und was nicht: Geld überweisen oder jemanden aus dem Gefängnis helfen. „Wir sind nicht dazu da, den Leuten zu erklären, wie sie deutsches Gesetz umgehen können“, sagt Battson. Er ist der stille Mittler zwischen Fans und deutschen Behörden.

In Berlin werden die Engländer in der Vorrunde nicht spielen, aber die Fans werden hierher reisen, da ist sich Battson sicher. In England wirbt er für Deutschland, für „euer großartiges Eisenbahnnetz“, auch für Berlin und seine Menschen, für den harten Humor. „Darüber werden einige Engländer in Berlin noch staunen“, sagt er.

Dass viele Fans in die Stadt reisen werden, liege daran, dass sich im Sommer eine andere Klientel nach Deutschland auf den Weg mache. „Die englischen Fußballfans waren ja schon oft in Deutschland, aber fast immer nur mit ihren Vereinen in München oder Dortmund, bei Europapokalspielen“, sagt er. „Jetzt haben sie endlich mal die Chance, Berlin zu besichtigen.“ Das darf man als leise Kritik an Hertha BSC verstehen. Battson geht sehr oft zu Hertha, mit etwa 20 Botschaftsmitarbeitern seien sie im Olympiastadion, aber so ein Länderspiel macht doch ein bisschen mehr Spaß als ein harter Durchschnittskick im Bundesliga-Alltag.

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