• Der Geist in der Maschine NEUES AUFGELEGT UND DOCH DIE ALTEN GEBLIEBEN – EIN WIEDERSEHEN AUF ZWEI KONZERTEN

Berlin : Der Geist in der Maschine NEUES AUFGELEGT UND DOCH DIE ALTEN GEBLIEBEN – EIN WIEDERSEHEN AUF ZWEI KONZERTEN

Kraftwerk inszenieren sich im Tempodrom als Menschen

Karl Hafner

„Willkommen zur Mensch-Maschine“, dröhnt eine Stimme aus dem Off. Die Silhouetten von vier Gestalten zeichnen sich auf einem Vorhang ab in gleißend-rotem Licht. Kraftwerk spielte am Donnerstag – das erste Mal seit über zwölf Jahren – wieder in Berlin im Tempodrom. Als der Vorhang aufschwingt, sieht man sie erst: Vier Männer in schwarzen Anzügen und roten Hemden stehen steif wie Kleiderpuppen hinter ihren Instrumenten, die wie Steuerpulte aussehen. Das fahle Licht von Laptopbildschirmen erleuchtet ihr Gesicht. „Mensch-Maschine“, das Credo an das Ideal des mechanischen Menschen, so lautet auch der erste Song. Auf einer Videoleinwand bauen sich Schriftzüge auf: „Die Mensch-Maschine. Halb Wesen, halb Überding.“ Pumpende Bässe hämmern. „Vorwärts“, Energieerzeugung, Bewegung nonstop. Eine schwerelose Version von „Autobahn“ folgt, ihrem vor 30 Jahren geschriebenen Welthit. Metallisch-industriell dröhnt es, als der „Trans Europa Express“ über endlose Schienenstränge in schwarzweiß dahin rast.

Die Musiker stehen nur da, machen eigentlich gar nichts, so dass es die Bildprojektionen sind, die dem Konzert seine Dramaturgie geben. Das Leben im Computerzeitalter ist reduziert auf tanzende Piktogramme und physikalische Schemata. Sinus-Wellen hüpfen, Leuchtreklamen blinken. Kraftwerk bekräftigen den Weg ihres einst so minimalistischen Technik-Gefrickels der Siebziger hin zum zeitgemäßen Elektro-Sound. Dancefloor und Techno-Beats sind selbstverständliches Repertoire. Selbst alte Songs sind überarbeitet und den technoiden Klängen angepasst, die sie zuletzt mit „Tour de France Soundtracks“ bedienten. Das Thema ihres Comeback-Albums: Radsport, die Verbindung von Mensch und Maschine im härtesten Rennen der Welt.

Der Höhepunkt ist eine ausgedehnte Version von „Radioaktivität“. Es wird einem auch heute noch eiskalt, wenn die zynisch-süßen Keyboardmelodien den Supergau konterkarieren. Irgendwann verabschieden sich die Musiker der Reihe nach. Die Musik spielt weiter, ewig weiter: „Music Non Stop.“

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