Berlin : DER GENIESSER

Johannes Mohr war Inhaber eines Floristikbetriebes, ehe er 2010 seine Leidenschaft zum Beruf machte. Sein Kochbuch-Antiquariat „Bibliotheca Culinaria“, das er gemeinsam mit Swen Kernemann-Mohr betreibt, liegt in der Zehdenicker Straße in Prenzlauer Berg.



Wie ich auf das „Praktische Kochbuch“ von Henriette Davidis gestoßen bin? Komische Frage. Man kommt unmöglich an ihr vorbei, wenn man sich mit Kochbüchern beschäftigt! Und ich betreibe ein Antiquariat nur für Kochbücher – das größte deutschlandweit. Hier, diese gesamte Regalwand, das sind alles nur verschiedene Auflagen des Davidis-Buchs. Davidis ist einfach das A und O, sie ist die Pionierin der ganzen Branche. Danke für das alles, Henriette!

Geboren ist sie 1801, hat dann als Hauswirtschafterin in betuchten Familien gearbeitet, die viel gereist sind. Dadurch hat sie nicht nur eine regionale Kochart kennengelernt, sondern konnte später die deutsche Küche in ihrer Gesamtheit darstellen. Und sie hatte die Idee, die Rezepte so aufzubauen, dass jeder das nachkochen konnte, mit Maßangaben und allem. So etwas war vorher undenkbar gewesen. Bis heute werden die Bücher darum unter ihrem Namen nachgedruckt und neu verfasst, es gibt sogar Davidis-Kochklubs, die erinnern sich beim Nachkochen an die gute bürgerliche Küche. Ich selbst gucke allerdings höchstens mal in ihre Bücher, um mich inspirieren zu lassen.

Wie die gekocht haben im 19. Jahrhundert! An Singles oder Kleinfamilien haben die noch nicht gedacht. Das war alles für Großfamilien, und immer mussten die Frauen zum Kochen ran. Da war es schon ein kleines Stück Emanzipation, dass mit Henriette Davidis eine Frau den anderen Frauen bei ihrer harten Arbeit half. Und dass eine Frau selbstständig einen Bestseller landet. Was ich da für Rezepte gefunden habe! Allein wie das Kapitel über Schweinefleisch anfängt! „Man nehme den Schinken eines jungen Schweins von 4–5 Kilo, schneidet die Schwarte davon ab ...“! Oder hier, das Kapitel über das Selbermachen von Likör. Oder das hier, Dutzende Seiten darüber, wie man Servietten faltet, so was musste damals anscheinend jede Hausfrau wissen. Und das hier ist auch schön. Anscheinend war Trüffel damals wirklich billig: „Man nehme 500 Gramm Trüffel!“ – Heute würde das weit über 1000 Euro kosten, so kann niemand mehr kochen. In manchem hatte es also doch sein Gutes, das 19. Jahrhundert.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben