Berlin : Der Gentleman vom Dienst

Heute wird Friedrich Schoenfelder 90 Jahre alt Von einer Operation kaum genesen, steht er schon wieder auf der Bühne

Christian van Lessen

Er flucht ganz gern, was nicht zu seinem Äußeren passen will. Zum Bild des feinsinnigen, wohl erzogenen Gentleman, dessen weißes Haar und sonore Stimme seit Jahrzehnten sein Markenzeichen sind. In Filmen, auf Bühnen, in Hörspielen. „Zum Kotzen“, findet Friedrich Schoenfelder, wie schnell unbegabte Darsteller zu Stars hochgejubelt werden. Zum Kotzen die allgemeine Sucht, alles abkürzen zu müssen. „Reha“ gibt’s für ihn nicht. Rehabilitation spricht er genüsslich buchstabierend aus.

Der Schauspieler und Synchronsprecher Friedrich Schoenfelder wird heute 90 Jahre alt. Dass er gerade die Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs kurieren muss, auch das ist einen Fluch wert. Aber gestern stand er erstmals wieder auf der Bühne, zu Proben für „Alle Jubeljahre“ im Renaissance-Theater. Premiere soll Anfang Dezember sein. „Ich hatte Freigang.“

Heute gibt es wieder kurzen Freigang, für eine kleine Feier mit der Familie und Freunden. Gut eine Woche wird Schoenfelder noch in der Reha-Klinik am Spandauer Havelufer bleiben müssen. Das Laufen fällt noch etwas schwer, wird aber ständig besser, der Schmerz lässt nach.

Der schlaftrunkene Ausrutscher morgens im Badezimmer, der Bruch, die Operation – traurige Wochen liegen hinter ihm. Kurz vor dem Unfall hatte er noch drei Drehtage der Fernsehserie „Der Landarzt“ hinter sich gebracht, spielte den Bewohner eines Altenheims, verstrickt in eine zarte Liebesgeschichte. „Es gibt zu wenig Rollen für mein Alter“, findet er.

Hunderte von Filmen, Bühnenstücken, Synchronrollen hat der gebürtige Niederlausitzer hinter sich gebracht. Er synchronisierte viele berühmte Schauspieler, darunter Henry Fonda, David Niven, Alec Guiness oder Rex Harrison. „Das habe ich offensichtlich vorbildlich gemacht.“ Dass die vollen Haare schon früh grau und weiß wurden, hat ihm nicht geschadet. Im Gegenteil: Er war schnell der ältere, seriöse Herr vom Dienst, ist es bis heute.

Ans Aufhören will er nicht denken, „bin doch kein Greis geworden“. Aber Tag für Tag auf der Bühne zu stehen, das könne ganz schön anstrengend sein.

„My Fair Lady“ war ein Meilenstein seiner Karriere. Er war der Oberst Pickering in der deutschen Erstaufführung im Theater des Westens 1961, später spielte er auch Professor Higgins. Alle Weggefährten von einst sind tot, gerade erst starb Fair Lady Karin Hübner. Das kann melancholisch machen. „Ich schrieb 70 Briefe an Tote, an Freunde, Kollegen von einst“, sagt Schoenfelder. Ein Buch hätte es werden sollen, ein Verleger fand sich nicht.

Schoenfelder schreibt gern, aber Sprechen zelebriert er. „Einen guten Text gut sprechen, das wirkt befriedigend,“ sagt er. Und er hört gern Musik,vor allem Jazz.

Er flucht, wenn er an die unsichere Zukunft der Boulevardbühnen am Kurfürstendamm denkt. Sie wegen eines Geschäftszentrums schließen zu wollen, sei eine „ungeheure Schweinerei“. Jahrezehnte hat er hier zugebracht. Er will nicht mit ansehen, wie diese Spuren seines Lebens abgerissen werden.

Auf die 90 Jahre Lebensweg, die er hinter sich gebracht hat, ist er stolz. Aber er glaubt, vielleicht doch den einen oder anderen Abzweig verpasst zu haben. „Ich hätte ein Filmstar werden können“, sagt er leise. „Ich bin aber nicht böse darüber, dass es nicht so gekommen ist.“

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