Berlin : Der geteilte Himmel

Prominente zeigen ihre Lieblingwerke aus der MoMA-Ausstellung Boris Feldmann mag Georges-Pierre Seurats „Der Kanal bei Gravelines, abends“

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Boris Feldmann ist 1990 aus Riga nach Berlin ausgewandert. Seit 1996 leitet er als Chefredakteur die die russischsprachige Wochenzeitung „Russkji Berlin“.

„Vor dem Bild standen viele Besucher, ich sah es nur kurz an im Vorbeigehen zum großen Monet. Aber nach einer Stunde in der Ausstellung hatte ich das Gefühl, einen Fehler begangen zu haben, und ging zurück.

Mich hat es an die Bilder eines sehr begabten Künstlers und Freundes aus Lettland, Ivar Saikin, erinnert. Er malte immer nur Wasser und Himmel, mit dem Unterschied, dass sich mal der Himmel im Wasser spiegelte und mal das Wasser im Himmel. Er hatte so viel Wasser und Himmel geschaffen, dass es mit Sicherheit für einen kleinen Planeten gereicht hätte. Aber wie es bei Künstlern manchmal so ist, war er bettelarm und tauschte seine „Himmel und Wasser“ mal gegen etwas Essbares, mal gegen Zigaretten oder Farben. 1990, damals bestand das sowjetische Imperium noch, wanderte ich illegal nach Deutschland aus. Beim Abschied nahm Ivar das einzige Gemälde, das in seiner Werkstatt hing, schnitt die Hälfte ab und gab mir ein Stück davon, mit Wasser und Himmel. Es schien damals, als trennten wir uns für lange Zeit, wenn nicht für immer.

Der Himmel, unter dem ich groß wurde, das Wasser, neben dem ich meine Jugend verbrachte, und das Bild eines Freundes schienen mir gute Begleiter für diese lange Reise zu sein. Aber bis nach Berlin schaffte es das Bild nicht. Es wurde vom sowjetischen Zoll eingezogen, weil ich keine Bescheinigung vorweisen konnte, dass das Gemälde zur Ausfuhr freigegeben war. Wasser und Himmel wurde mir schließlich von einer schwermütigen Frau mit unschönen Schultern weggenommen. Widerstand war zwecklos. Ich konnte entweder diesseits der Grenze mit einem zerschnittenen Bild und einer schwermütigen Frau bleiben oder mich von Himmel und Wasser trennen und die Grenze überschreiten. Ich wählte die Freiheit, wie man damals in diesen Jahren der Naivität zu sagen pflegte. An diese Geschichte erinnert mich Georges-Pierre Seurat.“

Aufgezeichnet von Constance Frey

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