Berlin : Der gläserne Clubgänger

Eine neue Studie hat das Ausgeh- und Tanzverhalten der Berliner erforscht Mit ein paar überraschenden Ergebnissen: One-Night-Stands sind nicht gefragt, Geiz auch nicht

Nana Heymann

Wenn es ihn denn tatsächlich geben sollte, den ganz normalen Clubgänger, dann wäre er durchschnittlich 24,5 Jahre alt, ein Student oder Azubi, der sich vornehmlich in „H&M“-Outfits kleidet, die große Liebe sucht und monatlich weniger als 500 Euro verdient. Und obwohl das nicht sonderlich viel Geld ist, wäre ihm ein normaler Abend im Club bis zu 30 Euro wert – Eintritt nicht mit eingerechnet.

Klingt wenig glaubhaft? Ist aber so. Zumindest, wenn man den Ergebnissen der „Trendstudie der Berliner Clubs 2005“ glaubt. Diese hat im vergangenen Sommer das Werteverständnis, Konsum- und Freizeitverhalten von Clubgängern untersucht und wurde nun vorgelegt. In Auftrag gegeben wurde die Untersuchung von der „media.net berlinbrandenburg“, einem Unternehmensnetzwerk der Medienwirtschaft, und der Club Commission, dem Dachverband der Berliner Clubbetreiber und Veranstalter. Grundlage der Studie ist eine Umfrage in 33 Veranstaltungsorten vom KingKongKlub bis zum Watergate. 187 Besucher haben Fragebögen ausgefüllt – das sind zwar zu wenig für eine repräsentative Umfrage, aber immerhin gibt die Studie einen ersten Eindruck von den Menschen, die da am Wochenende das Nachtleben erkunden und damit einen nicht unerheblichen Wirtschaftsfaktor ausmachen.

Demnach gab ein Drittel der Befragten im Alter zwischen 16 und 45 Jahren an, einmal pro Woche auszugehen. Eben so viele tun das sogar mehrmals wöchentlich. Den Abend planen sie überwiegend in Absprache mit Freunden, mehr als die Hälfte der Nachtschwärmer nimmt aber auch Flyer oder Stadtmagazine zur Hilfe. Ausschlaggebend bei der Wahl des Clubs ist das Musikprogramm, gefolgt vom Gästeprofil und der Erreichbarkeit des Partyortes. Entgegen dem verbreiteten Klischee vom kollektiven Lässig-in-der-Gegend-Rumstehen sind Berlins Nachtschwärmer alles andere als Tanzmuffel: 86 Prozent der befragten Männer und 93 Prozent der Frauen besuchen einen Club, um zu tanzen. Zur Abkühlung zwischendurch trinken 79 Prozent der männlichen und 56 Prozent der weiblichen Befragten Bier. Und mehr als die Hälfte der Clubgänger raucht: Frauen mit 61 Prozent sogar mehr als Männer mit 50 Prozent. Ambivalent ist das Verhältnis der Partygänger bei der Beurteilung der Entwicklung des Berliner Nachtlebens: Zwar schätzen sie heutzutage die größere Auswahl an Clubs, die abwechslungsreichere Musik und das schönere Ambiente. Doch sei vor fünf Jahren die Stimmung besser gewesen.

„Die Studie ist eine Momentaufnahme des derzeitigen Geschehens“, sagt Rainer Grigutsch von der Club Commission. Die ermittelten Daten sollen nun als Grundlage für den Einsatz von Werbemitteln dienen und so für Clubbetreiber neue Kooperationspartner erschließen. Denn neben Einnahmen durch den Eintritt und den Barumsatz werden Sponsorings künftig das Kerngeschäft der Veranstalter darstellen. „Die Wege, mit Partnern zusammenzuarbeiten, sind nie ausgeschöpft. Die Szene ist immer im Wandel begriffen“, sagt Grigutsch. Dieser Wandel beinhaltet offenbar auch, dass die heutige Jugend immer konservativer wird. Besonders stark ist bei Nachtschwärmern nämlich der Trend zu konservativen Werten und Moralvorstellungen ausgeprägt. Demnach sind Clubgängern Selbstverwirklichung, Erfolg und Toleranz wichtig, aber auch Treue, Familie und Kinder. 87 Prozent der Befragten suchen die große Liebe und nicht die schnelle Nummer. Einen One-Night- Stand favorisiert nur jeder Elfte.

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