Berlin : Der Glaube an die Liebe blieb

Ein neuer Zufluchtsort für Opfer von Folter und Krieg

Elisabeth Binder

STADTMENSCHEN

Der Hörsaal im Haus J des früheren Krankenhauses Moabit ist gepackt voll. Cornelia Schmalz-Jacobsen sitzt auf einer Treppenstufe, Sabine Christiansen, DRK-Präsident Rudolf Seiters und Christina Rau, die früh da waren, haben zur Eröffnungsfeier des Behandlungszentrums für Folteropfer (bzfo) in den neuen Räumen noch Sitzplätze bekommen. Yael Katzir, Filmemacherin aus Tel Aviv, kennt den Hörsaal von einem Foto. Vor 80 Jahren hat ihr Vater, Erwin Rabau, hier seine Karriere als Arzt begonnen. Temperamentvoll erzählt die Israelin von der Hoffnung und den Träumen ihres Vaters, die abrupt an einem Apriltag des Jahres 1933 endeten. Morgens war er noch ein hoch geachteter Arzt, mittags ein Krimineller auf einer schwarzen Liste. Immerhin schaffte der die Flucht, konnte in Israel mit anderen Emigranten dank seines in Moabit erworbenen Know-how das Fundament für die moderne israelische Medizin legen.

Vor 20 Jahren begab sich der Arzt Christian Pross auf die Suche nach Spuren der ehemaligen jüdischen Ärzte im Krankenhaus Moabit. Aus diesem Engagement heraus entstand 1992 das Behandlungszentrum. Vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen betonte er, dass es unter keinen Umständen und auf keinen Fall eine Ausnahme vom Folterverbot geben könne, denn „Folter hat epidemischen Charakter“.

Renate Schmidt, deren Familienministerium derzeit zu einem Drittel an der Förderung des Zentrums beteiligt ist, erklärte, auf keinen Fall Kürzungen an diesem Posten hinnehmen zu wollen. Sie erinnerte an die 50 Millionen Menschen, die weltweit von Flucht und Vertreibung betroffen sind. Moderatorin Sabine Christiansen warb zusätzlich heftig um Spenden für „diese Zufluchtstätte für Menschen, die vor Misshandlung und Krieg hierher geflüchtet sind“. Viele Patienten kommen aus dem Irak, aus Iran und der Türkei. Sylva Franke von der Jüdischen Gemeinde hob die Bedeutung des Ortes als Erinnerungsstätte jüdisch-deutscher Kultur hervor und erinnerte daran, dass die Vertreibung von Ärzten und Intellektuellen nur der Anfang des Völkermordes gewesen sei.

Der jüdische Chirurg Erwin Rabau hat den Nazis niemals vergeben, aber, den Worten seiner Tochter zufolge, noch oft gut über das Moabiter Krankenhaus gesprochen. Auf dem Gelände steht den Patienten des Behandlungszentrums künftig ein Heilgarten zur Verfügung. Der Kontakt zur Erde soll die Integration befördern und auch die Begegnung zwischen Menschen.

Es wurden viele Bogen geschlagen an diesem Vormittag. Immer wieder war die Rede von den körperlichen Leiden und den seelischen Langzeitschäden, mit denen Menschen leben müssen, die der Folter als Mittel staatlicher Gewalt ausgesetzt waren. Yael Katzir erinnerte an das Lebensmotto ihres Vaters, das ihn durch sein ganzes Leben begleitet habe, den Satz der Antigone, den er immer auf Altgriechisch zitiert hat: „Nicht zu hassen bin ich geboren, sondern zu lieben.“ Sie erzählte, wie sie vor dem Abflug nach Berlin einen Stein auf das Grab ihres Vaters gelegt habe und es ihr so vorgekommen sei, als habe er einen Satz aus dem Talmud geflüstert: „Wer einem Menschen das Leben rettet, rettet die ganze Welt.“

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