Berlin : Der Gleispalast

Am 28. Mai soll der neue Hauptbahnhof fertig sein – mit Reisezentren und Einkaufswelt auf vier Etagen. Ein erster Rundgang

Stefan Jacobs

Seit’ an Seit’ liegen die chinesischen und die österreichischen Granitplatten auf dem Weg zur Austernbar. Die chinesischen sind etwas heller als die österreichischen, aber noch kommen sie alle nicht zur Geltung, weil sich Baumaterial darauf stapelt. Auch die Austernbar existiert noch nicht. Aber einen Spitznamen hat sie schon: „Zum Kanzlerblick“ nennen die Bahnleute diese Ecke im Südwestteil des neuen Hauptbahnhofs. Von der zugehörigen Terrasse schweift der Blick über ein riesiges Schlammloch zu Kanzleramt und Spreebogen. In gut zwei Monaten soll der Krater, der „Washingtonplatz“, so weit urbanisiert sein, dass Barbesuchern nicht die Auster im Halse stecken bleibt und Amerikaner nicht beleidigt sind.

Wenn die Bahn zu einem Rundgang durch ihr 700-Millionen-Euro-Schmuckstück einlädt wie an diesem eiskalten Märztag, dann zieht man vorsorglich die Wanderschuhe an, weil man auf lange Fußmärsche gefasst ist durch den Gleispalast, der so ausufernd in der Berliner Mitte sitzt, als wolle er sie ganz unter sein Glasdach nehmen.

Man geht durch die „DB Lounge“, in der besonders gute Kunden – Erste-Klasse-Passagiere und Netzkartenbesitzer – in Sesseln der Ankunft ihres Zuges entgegenlümmeln und dabei eine ähnliche Aussicht wie die Austernschlürfer genießen dürfen. Noch ist die Lounge so kahl wie der Ausblick.

Nach wenigen Schritten kriecht man durch eine Bauplane – und steht plötzlich da, wo ab 28. Mai das Leben toben wird: in einem Einkaufszentrum mit Ausblicken, die Höhenängstlichen den Atem verschlägt. Vier Etagen tief stürzt der Blick an den Y-förmigen Stützen hinab, bis er schließlich in mehr als 20 Metern Tiefe auf die Bahnsteige des Nord-SüdTunnels trifft.

In seinem Bauch ist das breitbeinige gläserne Ufo ein von Panorama-Aufzügen und Rolltreppen zusammengehaltenes Hochhaus mit einem Grundriss von 160 mal 40 Metern. Das ganze Bahnhofsleben wird sich in einem überraschend kompakten Bereich abspielen. Bald werden die Inneneinrichter das Betongrau kolorieren. 15 000 Quadratmeter umfasst die Einkaufswelt – knapp halb so viel wie die am Potsdamer Platz. Kernöffnungszeit: täglich 8 bis 22 Uhr.

Die Züge fahren im zweiten Obergeschoss; in die Etage darunter zieht Virgin. In einem Prospekt der Bahn firmiert der CD-Laden als Buchhandlung. „Hörbücher eben“, kontern die Bahnleute.

Der Weg zum Nordausgang hin führt an einem von zwei Reisezentren der Bahn vorbei, gefolgt von Blumenladen, S-Bahn-Kundencenter und dem Stützpunkt der Bundespolizei. Die Beamten blicken über die nördliche Bahnhofstreppe zur Invalidenstraße, auf der ein Bushaltestellenhäuschen noch etwas verloren zwischen den Baumaschinen steht. Auf dem weiteren Weg durch den Bahnhof kommt man an Apotheke, Souvenirladen, Reisebank, Bäcker, Coffeeshop und Friseur vorbei. Auch eine Bahnhofsmission wird es geben – aber keine für Gestrandete, sondern eine mit Service vor allem für Behinderte und allein reisende Kinder.

In den unteren Etagen reihen sich Modeläden, Tengelmann, Rossmann sowie die üblichen Lotto-, Presse- und Telefongeschäfte. Noch völlig hinter Bauplanen versteckt sich der Service-Punkt, den die Bahn an den nördlichen Eingang stellt wie ein Hotelier die Rezeption. Der Nordeingang wird der praktische, der südliche der schöne – und gleichzeitig der WM-Eingang, an dem auch ein Infopunkt für die Besucher der nahen Fanmeile geplant ist. 300 000 Besucher werden täglich durch die Eingänge kommen, schätzt die Bahn.

Das Tageslicht fällt hinab bis in die Welt von McDonald’s, Sushi- und Donuts-Stand. Wo es nicht hinreicht, ahmen es hellblaue, in der Zwischendecke verborgene Leuchten nach.

Es ist jene Decke, um die sich die Bahn mit dem Architekten Meinhard von Gerkan streitet: Der Schöpfer ersann ein Gewölbe, die Bahn baute eine Ebene. Ein Gericht muss befinden, ob der Architekt sich damit abfinden muss. Fertig ist sie jedenfalls.

Gebaut wurde ein Gewölbe ausgerechnet da, wo man es am wenigsten vermutet: im Parkhaus. Drei Etagen wurden zwischen Straßentunnel und Bahnhof geklemmt. Mit je zwei Metern Höhe sind sie arg flach geraten – aber hoch genug für ein angedeutetes Gewölbe. Ganz leicht sind Decken und Böden geschwungen. So wenig, dass man es vielleicht erst bemerkt, wenn das eigene Auto nach dem Abstellen ganz langsam gegen einen Stützpfeiler rollt. Dann wird man sich wünschen, die Bahn hätte noch mehr flache Decken gebaut.

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