Berlin : Der Grund, in diese Gegend zu fahren, ist dieses Gasthaus

Bernd Matthies

Dorfstraße 16, Freudenberg, Telefon: 033451/6229, geöffnet: Nur Abendessen, am Wochenende auch mittags geöffnet, montags Ruhetag, Kreditkarten: keine AngabenBernd Matthies

Ja, das war nun das große Herz-Schmerz-Drama der ostdeutschen Gastronomie. Kabarettisten-Ehepaar übernimmt entlegenes Gasthaus irgendwo zwischen den Kartoffeln, balanciert ein paar Jahre am wirtschaftlichen Abgrund, hat Erfolg - dann brennt die ganze Bude ab. Aufbau, Benefizkonzert, Neubeginn . . . Da stehen sie nun, und von der Küche ist noch gar keine Rede gewesen. Unverdient, denn die hat sich ganz ohne Schwankungen in gerader Linie nach oben entwickelt, von den ersten Gehversuchen der Autodidaktin Annemarie Guy bis auf ein Niveau, das in Brandenburg nur ganz wenige andere Restaurants erreichen; für ihre Aufzählung sind die Finger einer Hand schon fast zuviel.

Die Küchenchefin hat es immer verstanden, Impulse aufzunehmen und ihr anfänglich schmales Repertoire zu erweitern. Insofern ist es konsequent, daß der bei meinem letzten Besuch unüberschmeckbare Qualitätsschub mit einem neuen Mitarbeiter zu tun hat: Miguel Sattler, der mit seinem Rüdnitzer "Reiterstübchen" - unser Bericht vom Januar - wirtschaftlich blitzschnell auf die Nase gefallen war, hat hier angeheuert und bringt die Erfahrungen mit, die er als Küchenchef in den ebenfalls verblichenen Mariendorfer "Säntisstuben" gewonnen hat. Sein Markenzeichen, der eindeutige, kräftige Geschmack, bestimmt die Linie; wir erkannten gern die saftige Lammnuß mit fritiertem Thymian wieder. In dieser Kombination hier mit weißen und roten Bohnen sowie geschmorten Kartoffeln machte sie besonderen Spaß, ebenso das Karree vom Spanferkel mit Kartoffel-Sellerie-Püree und witzigen roten Perlzwiebeln - keine Kunststücke, keine Schnörkel, sondern einfach nur kontrastreiche, ausgefeilte Küche zu vernünftigen Preisen (Hauptgerichte um 30 Mark).

Bemerkenswert auch die Leichtigkeit der unkomplizierten, klischeefreien Vorspeisen. Die "Lasagne" aus Weißkohl und zart geschmorter Zunge, leicht geschärft mit rosa Pfeffer, war dafür ein gutes Beispiel, und der sanfte Spargelsalat mit Kalbsbrust hielt mit. Pfiffige Suppen, zum Beispiel aus Radieschen, rundeten das übersichtliche Programm, und schließlich konnten sich auch die Desserts sehen und schmecken lassen, vor allem das Amaretto-Mousse mit knackigem Rhabarber; die Erdbeer-Variationen - Gelee, Eis, Quarkcreme - fielen wegen des sehr kompakten Quarks ein wenig ab.

Der Service ist bei Hartmut Guy, dem witzigen Dampfplauderer, in guten Händen, sein Weinangebot ist interessant (Erbacher Hohenrain, Schloß Reinhartshausen, für 41 Mark) und auch bei den offenen gut sortiert.

Die Schlüsselfrage bleibt seit Jahren dieselbe: Was sollte irgendjemanden in diese Gegend treiben? Touristen gibt es nicht, die raren Sehenswürdigkeiten, das Schiffshebewerk, das Schiffshebewerk und das Schiffshebewerk, sind abgehakt, und irgendwelche Initiativen der Verantwortlichen bleiben völlig aus. Statt dessen rasen die Eingeborenen gern mit Laster oder Motorrad dumpf an der Restaurantterrasse über dem Freudenberger Weiher vorbei: Es muß doch möglich sein, auch diese letzten hergelaufenen Genußmenschen ganz aus der Gegend zu ekeln!

Egal. Der Grund, in diese Gegend zu fahren, ist dieses Gasthaus. Auch ohne Sehenswürdigkeiten am Wegesrand.

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