Berlin : Der Gruß ist nur ein Reflex – Leben im Wachkoma

In Berlin leiden mehr als 400 Patienten an den gleichen Symptomen wie die Amerikanerin Terri Schiavo. Ein Besuch im Unfallkrankenhaus Marzahn

Ingo Bach

Die Tür zum Krankenzimmer steht weit offen: Als die Besucher eintreten, lächelt Sybille H. (Name geändert) sie freudig an. Ihre blauen Augen strahlen. Halten den Blick ihres Gegenübers fest, hindern ihn daran, den Rollstuhl wahrzunehmen, in dem Sybille H. sitzt. Oder ihre Arme, die sie unnatürlich verkrampft an den Oberkörper presst. Plötzlich fällt der Gesichtsausdruck in eine fast brutale Leere. Alles Freundliche ist weggewischt. Das strahlende Lächeln, der stumme Gruß – Reflexe, nichts weiter. „Verhaltensschablonen“, sagt Wolfgang Haas, Direktor der Klinik für Neurologie am Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) in Marzahn. „Das hat mit Bewusstsein nichts zu tun.“

Seit Monaten ist Sybille H. hier in Behandlung, durch einen Herzinfarkt war ihr Gehirn länger als acht Minuten ohne Sauerstoffversorgung. Seitdem liegt sie wie die Amerikanerin Terri Schiavo im Wachkoma. Sie kann ihre Umgebung nicht wahrnehmen, ebenso wenig ist sie sich ihrer selbst bewusst. Höhere Hirnfunktionen sind nicht nachweisbar – und doch wirkt sie so schockierend wach.

Gerade das macht es für die Angehörigen so schwer zu begreifen. Die Fotos von Terri Schiavo, auf denen die Wachkomapatientin ihrer Mutter scheinbar zulächelt, sind um die Welt gegangen. Doch die Aussichten, dass die Frau je wieder erwacht, sind nach Expertenmeinung verschwindend gering.

Auch die Chancen von Sibylle H. schwinden von Tag zu Tag. Bald wird Chefarzt Haas den Angehörigen eröffnen müssen, dass man im Krankenhaus nichts mehr für sie tun könne. Dann wird sie entweder in ein Pflegeheim verlegt oder in die Obhut ihrer Familie übergeben.

Sechs Monate lang behandeln die Ärzte des Unfallkrankenhauses Wachkomapatienten, die ihr Bewusstsein durch einen Sauerstoffmangel des Gehirns verloren. Manche Kliniken geben schon nach drei Monaten diese Hoffnung auf. „Wenn in diesem halben Jahr nichts darauf hindeutet, dass sich der Schaden zurückbildet, dann ist die Prognose auch für die Zukunft sehr sehr schlecht“, sagt Haas. Bei den durch Sauerstoffmangel geschädigten Menschen liegt der Anteil der Rückkehrer im einstelligen Prozentbereich, der Rest bleibt bis zum Lebensende im Koma.

Noch aber kämpfen Pfleger, Ergotherapeuten, Neuropsychologen um die Aufmerksamkeit von Sybille H. Eine Psychologin sitzt neben ihr, hält bunte Schilder hoch, liest Worte vor, streichelt der Patientin über den Arm – versucht, irgendeine bewusste Reaktion auszulösen. „Heute hat sie einen guten Tag, sie hat oft gelacht.“ Reflexe! Oder mehr? Die Psychologin lächelt. Manchmal tue die Vergeblichkeit der Mühe weh, sagt sie leise.

Ein paar Zimmer weiter liegt Oliver K. (Name geändert) in seinem Bett. Bei dem jungen Mann wurde durch einen Unfall die Sauerstoffversorgung des Gehirns unterbrochen. Er schläft. Aus seinem Hals ragt ein Plastikschlauch für die Beatmung. Doch er holt allein Luft. In seiner Bauchdecke steckt eine Sonde, die in den Magen führt. Für die künstliche Ernährung, denn selbstständig schlucken kann Oliver K. nicht. Als Haas ihn anspricht, seufzt er leise, holt dann tief Luft. Sein Oberkörper bäumt sich auf, dann sinkt er zurück. Er sieht entspannt aus, nichts zu sehen von den für Wachkomapatienten so typischen Verkrampfungen der Gliedmaßen. Und doch ist auch er weit weg. Haas öffnet ihm die Augenlider, doch die Pupillen starren ins Leere. Eine Schwester steht daneben, wirft einen Blick voller Mitleid auf den Patienten.

„Die Pflege von Wachkomapatienten ist für das Klinikpersonal eine große Belastung“, sagt Haas. Nicht nur wegen der oft ausbleibenden Erfolgserlebnisse, sondern weil Angehörige manchmal ihre Verzweiflung an den Ärzten und Pflegern abreagieren, ihnen Vorwürfe machen, weil sie nichts tun können. „Das ist ganz normal“, sagt Haas. Er hat schon über hundert Wachkomapatienten behandeln müssen und setzt dabei auf professionelle Distanz. Als Schutz helfe nur, glaubt er, sich zu sagen: Die meinen mit ihrer Aggressivität gar nicht mich persönlich, die meinen das Schicksal.

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