Berlin : "Der Guckkastenmann": Das älteste Fernsehen der Welt

cdz

Wer annimmt, Pay-TV sei eine Erfindung Leo Kirchs, der irrt: Schon vor drei Jahrhunderten konnte man - meist auf Volksfesten - für ein paar Groschen in eine viereckige Kiste schauen. Die war damals aus Holz: Der Guckkasten enthielt ein Panorama, und ein Loch auf der Frontseite gab den Blick frei auf Schlachtszenen oder Anblicke am kaiserlichen Hof. Ein bisschen war es wohl wie die Tagesschau: Die auf austauschbare Tafeln gemalten Ereignisse sollen so wirklich passiert sein, wenn auch einige Monate davor. Sogar bewegte Bilder gab es - manche Figuren ließen sich hin- und herschieben. Und Ton - ein guter Guckkasten-Mann erzählte den Kastenguckern eine Geschichte oder sang ein erklärendes Liedchen. "Der Guckkastenmann", ein Gemälde des französischen Rokoko-Malers Nicolas Lancret - nun im Schloss Charlottenburg zu sehen - bringt die Erinnerung an die bunten Wunderkisten zurück nach Berlin.

Obwohl das Gemälde vom Anfang des 18. Jahrhunderts eine Szene in einem französischen Dorf darstellt, war der Guckkasten im 19. Jahrhundert auch eine Erscheinung in dieser Stadt, ganz ähnlich wie zum Beispiel der Leierkasten. Guckkasten-Männer schrien auf den Berliner Jahrmärkten, um ein paar Pfennige zu verdienen, die Schaulustige für ihr Vergnügen zahlten.

Vielleicht war es sogar noch besser als das Fernsehen von heute: Optische Linsen oder Spiegel und die perspektivisch verzerrte Malweise vermittelten Raumgefühl. So konnte sich der Zuschauer ein Bild machen von der Schlacht bei Jena und Auerstedt oder - für damalige Vorstellungen wohl fast live - bei der Boston Tea Party dabeisein.

Mit der Ankunft von Lancrets "Guckkastenmann" ist die Konzertkammer im Schloss Charlottenburg ein Stück ursprünglicher. Friedrich II. hatte das Bild etwa 1760 gekauft, um das von österreichischen Truppen im Siebenjährigen Krieg verwüstete Haus neu auszustatten. Ab 1830 hing es im Berliner Stadtschloss, später im Neuen Palais, bis es Ende der 20-er Jahre verkauft wurde. Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten will das Gemälde - derzeit ist es als Leihgabe ausgestellt - zurückkaufen. Zwei Millionen US-Dollar soll es kosten, etwa 4,5 Millionen Mark. Die Berliner Lottostiftung hat 2,5 Millionen Mark in Aussicht gestellt, eine Million Mark an Spenden gibt es schon. Nun hofft die Stiftung auf weitere Spenden: Bis zum Jahresende soll die Kaufsumme zusammen sein.

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