Berlin : Der gute Mensch von Tempelhof

Memoiren einer noblen Nervensäge: Juppy von der Ufa-Fabrik stellt seine Autobiografie vor

Bernd Matthies

Dass Walter Momper, Klaus Landowsky und Christian Ströbele beisammen stehen, ist praktisch ausgeschlossen, außer vielleicht in irgendeinem Untersuchungsausschuss. Es sei denn, Juppy lädt ein, der gute Mensch aus Tempelhof, dem seit Menschengedenken der Nachname „von der Ufa-Fabrik“ anhängt. Am Mittwochabend stellte der legendäre Kauz seine Memoiren „Aus dem Leben eines Revoluzzers“ (Militzke, 19,90 Euro) vor, und im wohlgefüllten Saal in der Victoriastraße saßen auch jene drei Politiker.

Das Wort „Revoluzzer“ enthält bereits jene Dosis Selbstironie, die neben einigen anderen Eigenschaften den Erfolg Juppys ausmachen. Die anderen sind Humor, Vorurteilsarmut sowie eine gehörige Penetranz, an die sich Gerhard Horstmeier erinnert, der zur Zeit der Eröffnung der Ufa-Fabrik 1979 Chef der SFB-Abendschau war. Juppy sei regelmäßig in der Redaktion aufgetaucht, berichtete er, mit einem Hund und zehn Broten aus der Fabrikbäckerei: „Wir haben dann nicht alles gesendet, was er wollte, aber doch ein bisschen mehr als normal.“

Auch die Politiker wissen, dass man Juppy praktisch nur los wird, wenn man sich seine Argumente anhörte und ihnen so weit wie möglich zu folgen bereit ist. Die anfängliche Besetzung des Tempelhofer Geländes war „ganz klar illegal“, wie Momper sagte. Aber die offensive Gewaltlosigkeit der Kommunarden um Juppy, die das Gelände einen Tag vor der Senatsentscheidung sogar demonstrativ verließen, machte den Weg frei. „Wir hatten damals alle den Eindruck, dass da endlich mal was Neues passiert, und wir wollten ihnen Zeit geben, das auszuprobieren“, erinnerte sich Momper.

Zum Fabrikjubiläum 2004 begann Juppy, 1948 in Trittenheim an der Mosel geboren, zusammen mit dem Radiomoderator Daniel Gäsche an seinen Lebenserinnerungen zu arbeiten. 40 Tonbänder entstanden in einem guten halben Jahr, berichtete Gäsche, „und wer Juppy kennt, der weiß, dass davon nicht alles zu gebrauchen war“. Aus dem Rest ist aber eine lebendige Zeitreise durch die wilden Jahre West-Berlins entstanden, eine Fülle von Anekdoten mit authentischem Weißt-du-noch-Charakter. Eine große Rolle spielen die Politiker, die er durchweg mit nobler Ehrerbietung behandelt. „Wenn man als Künstler, als Geistesmensch in dieser Stadt mal ein Problem hatte und einen Politiker brauchte“, steht da, „dann war der Einzige, der zugehört hat, Klaus-Rüdiger Landowsky“.

Mit dem scheinbar härtesten Gegner den Dialog suchen – diese authentische Juppy-Strategie hat immer wieder funktioniert. Dieter Hapel, als CDU-Innenpolitiker Ende der 80er Jahre erbitterter Feind der Ufa-Fabrik, hat es erlebt. Juppy stellte ihn im Rathaus Schöneberg: „Hallo Hapel. Ich habe gehört, es gibt Widersprüche. Hier bin ich, Mann zu Mann, Auge in Auge. Spuck aus, was ist los?“ Ja, so dürfte das wirklich gewesen sein, und das Ergebnis zeigte sich einen Tag später. Die CDU-Liberalen waren baff, weil Hapel plötzlich so anders redete. „Jetzt ein guter Freund“, heißt es im Buch abschließend über den Ex-Hardliner.

Kultursenator ist Juppy dann aber doch nicht geworden, obwohl diese Drohung 2001 in der rot–grünen Aufbruchsstimmung halb ernst, halb als Jux ein paar Tage im Raum stand. Aber er ist längst fester Teil der Stadtfolklore. „Damals hatte ich immer einen Riesenärger wegen meiner langen, roten Haare“, schreibt er, „heute muss ich glatt einen Antrag beim Landeskonservator stellen, wenn ich mir die Haare mal schneiden lassen will.“

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