Berlin : Der Gysi-Effekt

Am schlechten Wahlergebnis für die CDU f&auml

Oskar Niedermayer ist Wahlforscher am Fachbereich Politische Wissenschaften der FU Berlin.

Am schlechten Wahlergebnis für die CDU fällt besonders auf, dass die Union übermäßig bei den über 60-Jährigen verloren hat - einer Gruppe, in der sie sonst besonders stark war. Diesmal holte sie hier mit 31 Prozent ganze 22 Prozentpunkte weniger als 1999. Wie ist das zu erklären?

Zunächst denke ich, dabei handelt es sich um ein allgemeines Phänomen: Die Generation, die zu Wirtschaftswunder-Zeiten gewissermaßen "CDU-sozialisiert" wurde, stirbt langsam aus. Die nachfolgende Generation ist schon anders geprägt. In Berlin kommt hinzu, dass die älteren Leute besonders von Diepgen angezogen wurden: "Der ist einer von uns", ein "Anwalt der kleinen Leute". Diesen Eindruck haben sie durch die Bankenkrise verloren. Und Frank Steffel ist von seiner Art her nicht einer, der den Älteren so sehr gefällt.

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Und wie erklären Sie sich, dass die PDS so ungemein stark ist? Im Osten, auch im Westen und vor allem bei den Jüngeren unter 30 Jahren?

Das ist ein Gysi-Effekt. Der Spitzenkandidat hat offensichtlich auf die PDS-nahe Klientel ausgestrahlt. Der Erfolg im Westen zum Beispiel: das ist ein reines Gysi-Phänomen.

Mit dem Krieg in Afghanistan hätte das PDS-Ergebnis also nichts zu tun?

Doch, das kommt hinzu. Wenn man sich die letzten Umfragen ansieht, dann irren sie gegenüber dem tatsächlichen Ergebnis vor allem in der Einschätzung der Anteile von SPD und PDS im Osten. Da muss also in den letzten Tagen ein "Last-Minute-Swing" stattgefunden haben. Gysi kann der Grund nicht sein, der war ja schon vorher da; es kann eigentlich nur an der sehr klaren Haltung der PDS zu den Ereignissen in Afghanistan liegen. Auch der Erfolg unter den Jungen lässt sich so zum Teil erklären: Unter denen sind ja sehr viele, die Krieg generell ablehnen.

Ein Wort zur FDP ...

Die könnte man fast als "bürgerliche Protestpartei" bezeichnen, die auch Stimmen von Leuten bekommen hat, die bisher, wenn sie der CDU eins auswischen wollten, eine bürgerliche Splittergruppe gewählt haben.

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