Berlin : Der Haken mit dem Sprung

Verwirrung über neue Münze: Hüpft der flüchtende Volkspolizist in die falsche Richtung?

Stefan Jacobs

Das Bild kennt jeder: Am 15. August 1961 springt der 19-jährige Volkspolizist Conrad Schumann mit geschultertem Gewehr über den ausgerollten Stacheldraht in den Westen. Zwei Tage nach Beginn des Mauerbaus. Jetzt wurde der berühmte Flüchtling sogar auf einer Gedenkmedaille zum Bau der Berliner Mauer verewigt. Doch das aus mehreren Elementen zusammengesetzte Motiv des Silberstücks hat einen Haken: Hinter dem Soldaten erhebt sich das Brandenburger Tor, von den Linden aus gesehen. Vierspänner und Volksarmist stürmen also gemeinsam ostwärts, in die DDR. Auch die Mauer – die es beim Sprung des Soldaten 1961 noch gar nicht gab – steht scheinbar auf der falschen, der östlichen Seite des Brandenburger Tors.

Das Foto des springenden Soldaten ist damals in der Bernauer Straße aufgenommen worden, also weit weg vom Brandenburger Tor. Dem Berliner Münzsammler Albrecht Schultz ist das Durcheinander auf der Medaille offenbar als Erstem aufgefallen. Er hatte das 79 Euro teure Stück mitsamt Echtheitszertifikat der Staatlichen Münzprägestätte Hamburg geliefert bekommen. Das Zertifikat garantiert Prägequalität, Reinheit des 925er-Silbers und die auf 25 000 Stück limitierte Auflage. „Aber für das Motiv ist der Auftraggeber verantwortlich“, sagt Prägestätten-Leiter Klaus Fölsch. Das corpus delicti gab die Münzhandelsgesellschaft Deutsche Münze (MDM) in Auftrag, die vor allem Sammler beliefert. Das Unternehmen residiert in Braunschweig, wo vermutlich nicht jeder die Blickrichtung der Quadriga kennt. Doch die Historiker sind sich mittlerweile einig, dass das Gespann – entgegen hartnäckiger anders lautender Gerüchte – auch zu DDR-Zeiten immer ostwärts eilte. Nach dem Hinweis des Berliner Sammlers erwägt die MDM, das Motiv zu ändern.

„Wir wollten das Brandenburger Tor nicht von hinten zeigen“, erklärt ein leitender MDM-Mitarbeiter und fügt hinzu, das Motiv sei eine von Designern frei gestaltete Collage. Es gebe „ein Gremium, das da zusammensitzt und solche Motive entwirft“; vor der Prägung „schauen verschiedene Personen noch mal drauf“. Der ostwärts flüchtende Volksarmist sei zuvor niemandem aufgefallen. „Wir werden uns dieses Thema noch mal genau ansehen und dann entscheiden, ob wir das Motiv ändern oder lassen“, sagt der MDM-Fachmann.

Änderungen in einer laufenden Serie „hat es schon gegeben – wenn auch selten“, sagt Prägestättenleiter Fölsch. Das Hamburger Unternehmen stellt als eine von fünf deutschen Prägestätten das ganz normale Euro-Hartgeld sowie staatlich ausgegebene Gedenkmünzen her. Die privat georderten Medaillen – im Unterschied zu Münzen ohne geprägten Geldwert – sind nur ein Zubrot. Bisher seien erst „weit unter tausend“ Exemplare der Medaille geprägt worden. Mit etwas Glück besitzt Albrecht Schultz also bald zwei Stück zum selben Thema: eine besonders seltene und eine historisch einwandfreie.

Die Quadriga-Pferde auf der Medaille bekommen vom Irrweg des Soldaten übrigens nichts mit. Im Unterschied zum Original schaut nämlich jedes in eine andere Richtung, aber keines geradeaus auf den Weg. Sonst hätten sie vielleicht gewiehert.

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