Berlin : Der heilige Rasen hat ausgespielt

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Von Holger Wild

Hier geht’s also durch. Brust raus, Bauch rein, da vorne endet der moosgrüne PVC-Boden mit den breiten Noppen, da ist das Tor im Beton, da tritt man ins Freie, hier steht man jetzt – im Rund. Im Olympiastadion. Aufbrandender Jubel (schön wär’s).

Vor sich der Rasen, um sich die Tribünen. Hinter sich der Gang, den die Profis immer nehmen, wenn sie zum Spiel auflaufen. Ein Gefühl…, nein, kein besonderes Gefühl. Es fehlen die Fans, der Lärm, die Bedeutung. Man ist halt doch kein Bundesliga-Spieler.

Aber schön ist’s trotzdem. Die neuen Sitze auf den neuen Tribünen blitzen in der Sonne. Im Block neben dem Marathon-Tor liegen noch rote Sitzkissen, die haben wohl enttäuschte Leverkusener da liegen lassen. Blaue und rote Papierschnipsel knüllen sich auf dem Rasen. Betreten kann man den leider nicht; ein Gitter sperrt hinter den Tartanbahnen ab.

Doch kaufen kann man den Rasen. Fünf Euro für zwei rechteckige, circa handtellergroße Stücke. Es ist Tag der Offenen Tür im Olympiastadion. Auf der Baustelle. Vorm Marathontor gräbt ein Bagger schon Erde ab. 50 000 Kubikmeter müssen ausgehoben werden, damit das Spielfeld um 2,60 Meter abgesenkt werden kann. Um Platz für neue Reihen zu schaffen. Damit nach dem Umbau des Stadions wieder 76 000 Zuschauer Platz finden. Nach der Sommerpause liegt der neue Rasen. Der alte ist für die Fans; der Erlös für die Kinderkrebshilfe.

Uli Wollschläger hat sich zwei der Gevierte gekauft, die im Mittelfeld und an der Seitenlinie ausgestochen werden – eins hat daher weiße Halme. „Heiligen Rasen“ nennt er das und zwinkert dabei. In seinen Garten in Kladow kommt das Grün, mit Steinchen umrandet. Er ist Hertha-Mitglied – und das Spiel, an das er sich erinnern will, begab sich Anfang der 70er Jahre. Gegen Köln, er weiß nicht mehr, wie es ausging, er war zehn damals, aber das weiß er noch: 93 000 Menschen seien mit ihm im Stadion gewesen, Bundesliga-Allzeitrekord.

Stefan Bogatzki dagegen ist kein Eingefleischter. Vielleicht zweimal pro Saison kommt er hierher. Dennoch trägt auch er im Pappkarton Rasen davon, vier Stücke, „drei grün, eins weiß“. Sieben Jahre mag es her sein, da spielten die Deutschen in Berlin gegen Bulgarien, und Thomas Häßler, der gebürtige Berliner, schoss ein „geniales Tor“. Ein Tor für die Ewigkeit – jedenfalls in Bogatzkis Garten. Außerdem sei das Olympiastadion „das geilste Stadion, das es gibt“.

Und es hat Bereiche, die kannte man noch gar nicht. Schummrige Katakomben unter dem Marathontor. Gänge unter den alten und unter den neuen Tribünen. Toilettenschilder, die noch direkt aus den 30er Jahren zu stammen scheinen. Alles besahen und beäugten die Berliner am Sonntag, durchlasen die Faltblätter über den Ablauf des Umbaus – am Freitag beginnt der Dauerkartenverkauf für die nächste Saison – und aßen in dieser ihre letzte Bratwurst.

Und dann begaben sie sich in ein stickiges Zelt zum Lagerverkauf von Fan-Artikeln. Hertha-Uhren, Hertha-Wimpel, Hertha-Zipfelmützen, Hertha-Badetücher – „nee, wir ham doch schon zweie!“ Hertha-Trikots mit veraltetem Sponsor-Aufdruck (18 Euro). Fürs Klavier: Plastik-Büsten der Spieler Rehmer, Dardai, Kiraly. Und Schals: UEFA-Pokal 3. Runde, Servette Genf. Diese schmähliche Niederlage. Für 8,50 Euro. Wer will denn daran erinnert werden?!

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