Berlin : Der Heimkehrer als Ehrenbürger

Der Kunstsammler Heinz Berggruen bedankt sich für die Ernennung und verteidigt den Industriellen-Erben Friedrich Christian Flick

Sabine Beikler

Bescheiden steht der neue, der 114. Berliner Ehrenbürger am Rednerpult im Festsaal des Roten Rathauses. Vor den 270 geladenen Gästen wirkt er genauso unprätentiös, als wenn er mit den Besuchern seiner Sammlung im Stülerbau über einen Picasso spricht. Es ist eine warme, eine mitfühlende Rede, mit der sich Berggruen vor seiner Heimatstadt Berlin verneigt. Er sei von „Glücksgefühl“ bewegt bei dem Gedanken, dass sein Beitrag zur kulturellen Stärkung der Stadt uneingeschränkt und fast enthusiastisch akzeptiert werde. Gegen Ende seiner Rede dankt der Kunstsammler tief bewegt für die Ehre, die ihm gestern zuteil wurde. „Ich möchte Ihnen dafür danken, dass Sie mit mir den ersten jüdischen Heimkehrer in seine Vaterstadt zum Ehrenbürger machen.“ Bei diesen Worten weint Heinz Berggruen.

Aus tiefster Überzeugung spricht der 1914 geborene Sohn eines deutsch-jüdischen Schreibwarenhändlers in Wilmersdorf von seiner Heimatstadt, „die mich väterlich und großzügig behandelt“ – 68 Jahre, nachdem Berggruen als Jude zur Emigration in die Vereinigten Staaten gezwungen worden war. 1947 kam er nach kurzem Zwischenstopp in Deutschland nach Paris und fand dort zu seinem Beruf als Kunsthändler und Sammler. Vor acht Jahren kehrte Heinz Berggruen mit 113 Meisterwerken im Gepäck nach Berlin zurück. Heute lebt er in Berlin und Paris.

Heinz Berggruen nutzt die Gelegenheit, sich für die Sammlung zeitgenössischer Kunst des Industriellen-Erben Friedrich Christian Flick auszusprechen, der ebenfalls beim Festakt anwesend war. Unlängst hatte Salomon Korn, der stellvertretende Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, gefordert, auf die Sammlung zu verzichten. Es gehe Flick „um eine Art Weißwäsche von Blutgeld in eine gesellschaftlich akzeptable Form des Kunstbesitzes“, schrieb Korn mit Blick auf die Familie Flick als Profiteur unter anderem der Zwangsarbeit während des NS-Regimes. In scharfer Form widerspricht Berggruen. Statt von „Sippenhaft vergangener Untaten“ zu sprechen, müsse man „tolerant und aufgeschlossen“ in die Zukunft schauen.

Für dieses Plädoyer erhält Berggruen großen Beifall der Gäste, darunter Berlins 113. Ehrenbürger, der scheidende Bundespräsident Johannes Rau mit Gattin Christina, die Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker und Walter Scheel, der frühere Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen, Parlamentspräsident Walter Momper und Vertreter aller Fraktionen. Anwesend ist auch der letzte noch lebende Cousin von Anne Frank, Buddy Elias. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit würdigt Berggruen als „Glücksfall“ für die Stadt. „Sie gaben Ihrer Heimatstadt eine kulturelle Bedeutung zurück, die sie verloren zu haben schien.“ Berggruen habe ein Zeichen gesetzt, dass diese Stadt, „in der einst der Weltenbrand und der Völkermord geplant wurden“, wieder Vertrauen verdiene.

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