Der Helfer-Check : Ein Jahresurlaub fürs Ehrenamtstraining

Die Ansprüche an die Helfer im Sozialwesen steigen, die Qualität der Ausbildung nimmt zu. Ehrenamtliche müssen zum Beispiel lernen, wie man reagiert, wenn sterbende Kinder fragen: „Komme ich in den Himmel?“

Manuel Opitz
Ausgezeichnet. Antonia Podtykalenko, Stephan Troll, Isabella Jorde. Foto: Thilo Rückeis
Ausgezeichnet. Antonia Podtykalenko, Stephan Troll, Isabella Jorde. Foto: Thilo Rückeis

Es waren sechs anstrengende Monate für Sabine Dalchow. An zahlreichen Wochenenden besuchte die 47-Jährige von morgens bis abends Seminare, lernte, mit Kindern über den Tod zu sprechen, baute um sich herum eine Art psychologische Schutzhülle und gab das Innerste von sich preis. Unter der Woche hat die Wilmersdorferin Bücher über Konfliktlösung und Entwicklungsstadien von Jugendlichen gewälzt. Abends, nach der Arbeit.

Die Helferin hospitierte bei Ärzten im Benjamin-Franklin-Klinikum

Auf die Seminare folgten 14 Tage im Benjamin-Franklin-Klinikum auf einer Station mit todkranken Jugendlichen. Als Hospitantin begleitete sie täglich Psychologen, Ärzte und Schwestern, hörte den Patienten zu und war für sie da.

Das alles nahm sie nicht für einen Beruf, sondern für ihr Ehrenamt auf sich.

Dalchow hat sich bei den Maltesern für die Kinder- und Jugendhospizarbeit ausbilden lassen. Die 47-Jährige nennt sich nicht Sterbebegleiterin, sondern Familienbegleiterin. „Ich besuche jede Woche eine Familie und singe, spiele, bastele mit Kindern. Ich versuche, in ihren letzten Wochen für sie da zu sein.“

Wenn Qualifikationen fehlen, schadet das auch den Engagierten

Eine Ausbildung für Ehrenamtliche ist in Berlin die Regel. „Wie umfangreich und langwierig diese ist, hängt vom Bereich ab“, sagt Monika Helbig, Staatssekretärin und Berlin-Beauftragte für Bürgerschaftliches Engagement. Zwar bringe jeder Lebenserfahrung mit, doch ohne Vorbereitungen gehe es nicht. „Das gilt besonders für Telefonseelsorge und Hospizarbeit.“ Sonst könnte das Engagement schädlich für die zu betreuenden Menschen sein – und auch für den Betreuer.

Zuerst müssen Bewerber beweisen, dass sie überhaupt für ein Ehrenamt in- frage kommen und echtes Interesse daran haben. „Ich wurde von den Maltesern zum Kennenlerngespräch gebeten“, erzählt Dalchow. „Die wollen ganz genau wissen, wer da mit Kindern zusammen ist.“ Gerade in der Jugendarbeit und im Sport verlangen viele Träger polizeiliche Führungszeugnisse. Helbig appelliert an die Organisationen, sie seien „angehalten, die potenziellen Helfer in ihrem eigenen Interesse zu kontrollieren“. Das minimiere das Risiko von Missbrauchsfällen, wie bei der Parkeisenbahn Wuhlheide.

2500 Jugendliche haben sich als Jugendleiter qualifiziert

Familienbegleiterin Dalchow hält ihre Ausbildung für absolut notwendig. „Manchmal fragen mich Kinder: ‚Komme ich jetzt in den Himmel?’“. Sie hat gelernt, zu antworten, etwa mit der Gegenfrage: „Was glaubst Du denn?“ In Persönlichkeitsentwicklung und Pädagogik wird auch geschult, wer sich in der Jugendarbeit engagieren möchte. Dafür muss man die „Jugendleiter/-in-Card (Juleica)“ erwerben, in Berlin gibt es etwa 2500 Besitzer. „Zur Ausbildung gehören 40 Stunden Unterricht sowie ein Erste-Hilfe-Kursus“, sagt Tilmann Weickmann, Geschäftsführer des Landesjugendrings Berlin. In den Schulungen geht es etwa um Gruppenpädagogik, rechtliche Grundlagen und interkulturelle Jugendarbeit. Die Juleica-Ausbildung sei aber keine Berufsausbildung.

Für Isabella Jorde, 22, steht Gruppenpädagogik im Vordergrund. Die Frau aus Prenzlauer Berg betreut Kindererlebniscamps der Jungen HumanistInnen. „Ich habe in der Juleica-Ausbildung gelernt, wie ich es schaffe, dass sich eine Gruppe als Gruppe fühlt“, erzählt sie. Dazu gehört auch Streitschlichtung. „Die Juleica-Karte gibt mir Sicherheit“, sagt Jorde. „Und wer sich wirklich für Jugendarbeit interessiert, nimmt die Kurse auf sich.“ Zudem gibt es jährlich neue Seminare und Workshops, etwa zu Sexualität und Rassismus. Als Dank ehrt der Senat jährlich 4500 engagierte Berliner mit der Ehrenamtskarte für Vergünstigungen.

Für die Freiwillige Feuerwehr nehmen manche ihren Jahresurlaub

Noch zeitaufwändiger sind die Ausbildungen beim Technischen Hilfswerk (THW) und bei der Freiwilligen Feuerwehr. „Wer Freiwilliger Feuerwehrmann oder Feuerwehrfrau werden möchte, muss mindestens die Grundausbildung absolvieren“, sagt Feuerwehr-Sprecher Jens-Peter Wilke. Und die dauert 160 Stunden. Vier Wochen lang lernt man in der Feuerwehrschule Reinickendorf das Feuerlöschen und technische Hilfeleistungen. Danach folgt die Rettungsdienstausbildung. „Darüber hinaus bieten wir freiwillige Weiterbildungen an“, sagt Wilke. Ehrenamtliche können Lkw-Führerscheine erwerben, sich zum Truppführer oder Maschinisten ausbilden lassen.

Tatsächlich sind die Weiterbildungen beliebt: „Die meisten wollen sich weiterentwickeln“, sagt Wilke. Allerdings „stellen viele Arbeitgeber Mitarbeiter nicht frei“, bedauert er. Obwohl die Feuerwehr das Gehalt des künftigen Helfers während der Schulungszeit zahlt. „Deshalb opfern viele ihren Jahresurlaub.“

In kleinen Vereinen werden die Aufgaben immer vielfältiger

Neben umfangreichen Ausbildungen und der Kontrolle durch die Träger kennzeichnet das Ehrenamt eine steigende Professionalität, bestätigt Stephan Wagner, Geschäftsführer der Paritätischen Bundesakademie. Doch hat sich das Aufgabenfeld erweitert, wie Thomas Kegel von der Akademie für Ehrenamtlichkeit sagt: „Sie übernehmen immer häufiger Verwaltungsaufgaben, sind für Finanzen zuständig und sitzen in Vorständen.“ Das gelte besonders für kleinere Vereine.

Gleichzeitig wird der Wettbewerb unter den gemeinnützigen Organisationen um Freiwillige, Spenden und Sponsoren härter. Deshalb schicken viele Träger Engagierte an die Akademie, in Kurse zu Fundraising und Ehrenamtsmanagement. Der „Führerschein für Öffentlichkeitsarbeit“ über 10 Tage kostet rund 700 Euro, die Kosten übernimmt der Träger. Auch Sabine Dalchow ist es wichtig, von den Maltesern gut ausgebildet und kompetent betreut zu werden. „Als Helfer hilflos sein, das wäre das Schlimmste.“

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