Berlin : Der Herr der Hauptstadt doziert und dirigiert - die Delegierten sind ergriffen

Brigitte Grunert

Ganz unauffällig tritt Eberhard Diepgen ins Bild, kein Kometenschweif, keiner nimmt Notiz von ihm. Das will er vor Beginn des CDU-Parteitages auch gar nicht. Der Jubel kommt früh genug. Pünktlich um zehn Uhr ist er da, Aktenkoffer in der Hand, Zeitungen unterm Arm, der übliche dunkle Arbeitsanzug, das übliche hellblaue Hemd. Nur die Haartolle wirkt wie frisch gefönt.

Ist er gelassen, oder steht er unter Hochspannung vor seiner Wiederwahl als Parteichef in krisenreicher Zeit für die Union? Das lässt sich ein Diepgen nicht anmerken. Klaus Landowsky begrüßt ihn strahlend; er aber nickt nur und verzieht keine Miene. Sofort setzt er sich auf seinen Platz am Vorstandstisch. Die alten Freunde Landowsky, der Fraktionschef, und Ex-Senator Peter Radunski unterhalten ihn munter. Doch Diepgen ist sichtlich wortkarg, lässt aber mit vorgebeugtem Kopf die rund 400 Delegierten unten im Saal keine Sekunde aus den Augen. Immer wieder kreisen seine Blicke. Er macht ein Gesicht, als frage er sich: Wird die Liturgie klappen? Oh, sie wird! Und wie!

Ein Stündchen braucht der Parteitag für die Vorspiele. Diepgen setzt die Lesebrille auf und korrigiert mit schräger Kopfhaltung in seinem Redemanuskript herum. Das macht er immer so. Aber als Redner war er selten so brillant wie diesmal, 14 Jahre ist er Regierender Bürgermeister, 17 Jahre Landesvorsitzender, aber selten hat er so gut Funken aus seinen Leuten schlagen können. Der Beifall schwillt schon, als er ans Rednerpult tritt, er schneidet ihn souverän ab: "Vielen Dank, den Rest nach der Rede!" Das Publikum gehorcht.

"Unsere Pflicht: Zukunft gestalten", lautet das Parteitagsmotto. Das Wort Pflicht benutzt Diepgen sehr oft, es macht sich gut im großen CDU-Drama. Diepgen beschwört den Wahlsieg vom 10. Oktober 1999. Kontinuität und Erneuerung heißt seine Devise. Es seien auch noch Diepgen-Turnschuhe vorrätig. So erinnert er an den Wahlkampf, in dem er als jugendlicher Jogger auftrat. Ein Graukopf ist er ja mit seinen 58 Jahren wirklich noch nicht. Er spricht, als wolle er die Stadt noch mindestens 100 Jahre regieren.

Diepgen präsentiert sich als kommunaler Übervater und Herr der Hauptstadt. Bei Stichworten wie Schlossaufbau und Religion als Wahlpflichtfach jubelt der Parteitag. Diepgen kann dozieren, die Hände auf das Rednerpult gestützt. Aber aus dem Häuschen geraten die Delegierten, als er mit dem Zeigefinger fuchtelt. Wenn es erst keine SPD-Bürgermeisterin mehr in Charlottenburg gebe, dann könne man endlich auch den Kurfürstendamm, den Breitscheidtplatz und die Tauentzienstraße verschönern.

Nach einer Viertelstunde ist er beim CDU-Drama. Mit leiser Stimme tut er Schmerz und Trauer über den Abgang von Wolfgang Schäuble kund. Dann wird der Zeigefinger immer länger. Diepgen richtet Gerechte und Ungerechte. Dann wieder ballt er die Faust: "Der politische Gegner will die Union zerschlagen." Das sitzt. Aber es folgt die leidenschaftliche Verheißung mit ausgebreiteten Armen: "Wir lassen uns doch unseren Stolz nicht nehmen, weil einige Idioten Mist gemacht haben." Das ist es: durch die Nacht zum Licht, die Delegierten geraten aus dem Häuschen. Und dass die Berliner CDU mustergültig ist, dafür sprechen die Parteieintritte des letzten Jahres.

Das Feindbild ist immer wichtig. Die Bundesregierung bekommt ihr Fett weg für alle möglichen "Flops". Nach einer Stunde kann Diepgen aufatmen. Minutenlanger Beifall ehrt ihn. Er empfängt ihn stehend, die Delegierten erheben sich ebenfalls von den Plätzen, bis er selbst wieder bestimmt, wann der Applaus zu enden hat. Wie ein Dirigent signalisiert er mit Handbewegungen den Schlussakkord. Nun strebt alles nach draußen zu den Würstchen und Kaffeetassen. Drinnen ist der Diskussionsbedarf mäßig, niemand hört zu. So, genau so, hat sich Diepgen die Regie vorgestellt. Einen mustergültigen Landesverband will er vorführen.

Wozu muss er noch gewählt werden? Weil es sein muss, zum neunten Male seit 1983 wird er Landesvorsitzender, diesmal mit 89,7 Prozent der Delegiertenstimmen. Vor zwei Jahren saß er mit 62,6 Prozent noch im Tief. Und schon denkt er an die nächste Abgeordnetenhauswahl in fünf Jahren: "Da wünsche ich mir eine ähnliche Steigerungsrate wie eben."

Rosen für Diepgen, Landowsky macht ein glückliches Gesicht. Der Parteitag ist gelaufen. Diepgen ist unangefochten. Was heißt hier aufhören in zwei Jahren? Das müsse wohl ein Ammenmärchen sein.

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