Berlin : Der Hirte mit der Maus

Viel Land und die Gemeinde weit verstreut: Der Uckermärker Pfarrer Ulrich Kasparick setzt aufs Netz.

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Netzwerker. Pfarrer Ulrich Kasparick ist für 20 Dörfer zuständig. Foto: Benjamin Lassiwe
Netzwerker. Pfarrer Ulrich Kasparick ist für 20 Dörfer zuständig. Foto: Benjamin Lassiwe

Zwischen malerischen Feldern ragt der hölzerne Turm hervor. Wer von der Brandenburger Kreisstadt Prenzlau nach Nordwesten fährt, sieht das Gotteshaus von Hetzdorf schon von Weitem. Hohe Kastanien umrahmen die mittelalterliche Dorfkirche, lila blüht der Flieder im Pfarrgarten. Hetzdorf liegt mitten im Uckerland: Die Menschen pendeln nach Stralsund, Berlin und seit einiger Zeit auch wieder nach Stettin, sprechen märkisches Platt und werden immer älter. „70 Jahre ist der Durchschnitt bei uns“, sagt Pfarrer Ulrich Kasparick. Einen Sportverein gibt es schon lange nicht mehr, auch der Dorfladen und die Kneipe sind dicht.

Nur der Pfarrer ist im letzten Herbst gekommen: 20 Dörfer mit elf Kirchen gehören zu seinem Sprengel. Ein paar hundert Seelen insgesamt, anderswo würde das nicht einmal für eine halbe Pfarrstelle ausreichen. Mit seinem Keyboard zieht der Theologe am Sonntag über die Dörfer, predigt hier vor sechs und dort vor 23 Menschen. Und er setzt aufs Internet: Mehrere Facebookprofile, ein Blog und eine Website bestimmen mittlerweile sein Alltagsgeschäft. „Etwa 25 000 Menschen erreiche ich im Netz“, sagt Ulrich Kasparick. Nur ein paar Dutzend davon leben in den Dörfern seines Sprengels – doch als auf der Homepage der Kirchengemeinde das falsche Kirchenfoto zu sehen war, hieß es schon am nächsten Tag: „Paster, das ist aber nich unsere Kirche!“ Denn auch die Menschen in der Uckermark achten darauf, was über ihr Dorf im Internet zu lesen ist. Mittlerweile nehmen sogar Internetuser aus den USA, aus Mexiko und Georgien über die modernen Medien am Uckermärker Gemeindeleben teil. Online lesen sie die Sonntagspredigt des Pastors ebenso wie einen Bericht vom letzten Kirchenkonzert. Sie erleben, wie ein Taufengel restauriert wurde, und freuen sich an den Naturfotos vom Morgenspaziergang des Dorfpfarrers – der freilich nicht Zeit seines Lebens ein solcher war: Kasparick ist einer jener Pfarrer, die es mit der politischen Wende in der DDR in die Politik spülte. Für die SPD saß er im Bundestag, war zuletzt Staatssekretär im Verkehrsministerium. Bei den letzten Wahlen trat er nicht mehr an, kehrte in den alten Beruf zurück. Für Hetzdorf war das ein Glück: Die Pfarrstelle war lange vakant, und es war unklar, ob die Pommersche Evangelische Kirche sie überhaupt besetzen konnte. Kasparick dagegen suchte Ruhe und Entschleunigung. „Wenn ich einen Hausbesuch in Papendorf mache, bin ich 50 Kilometer unterwegs“, sagt Kasparick.Über einsame Straßen geht es von Dorf zu Dorf. Der Sprengel ist groß, das Land ist weit. Doch auch dabei hilft das Internet: „Mittlerweile erreiche ich in sechs Dörfern Menschen verlässlich per E-Mail“, sagt Kasparick. „Schon wenn es darum geht, ein Plakat für das nächste Kirchenkonzert im Schaukasten aufzuhängen, ist das eine immense Erleichterung – ich schicke es per Mail, einer druckt es aus, und unendlich viele Kilometer fallen weg.“

Dem Pastor bleibt mehr Zeit für etwas anderes: Die Beerdigung des Feuerwehrhauptmannes, zum Beispiel. Hunderte Menschen, die mittlerweile in der dritten Generation keiner Kirche mehr angehören, füllten an jenem Tag die Kirche. „Er war immer da, wenn Menschen in Gefahr waren“, sagte Kasparick damals. „Und unsere Kirche, die ist immer für uns da, wenn wir in Not sind.“ Die Predigt wurde Dorfgespräch – so, wie jetzt der Rosengarten: „Unter der Dusche kam mir die Idee, mithilfe des Internets einen Rosengarten anzulegen“, sagt Kasparick. Als Dorftreffpunkt, mit einem Tisch, auf dem dann immer eine Thermoskanne Kaffee steht. Die Idee postete er bei Facebook. Nach zwei Tagen kam die erste Rose – aus Finnland. Ein Bauer hörte davon, kam mit seinem Traktor, legte die Beete an. „Was, der grubbert beim Paster?“, hieß es dann im Dorf. „Dabei ist der doch gar nicht in der Kirche.“ Plötzlich wollten alle mitmachen. „Fast jeden Tag klingelt der Postbote und bringt neue Rosen“, sagt Kasparick. An die 80 Menschen hätten schon am Garten mitgearbeitet. Über dieses und andere Projekte, die Kasparick im Uckerland startet, diskutiert er ständig mit Freunden und Gemeindegliedern. Online natürlich, wo sonst.

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