Berlin : Der Hoffnungslose MIT DER SOZIALHILFE LEBEN – VIER BEISPIELE

Claudia Keller

Seit zwanzig Jahren bewohnt Michael Rathmann seine 50 Quadratmeter. Jetzt will er die Wohnung renovieren. Rathmann ist Vierzig, seit zehn Jahren arbeitslos und lebt von 570 Euro Arbeitslosenhilfe. Davon, sagt er, müsse er 249 Euro Miete zahlen, Strom und Hundesteuer. Außerdem habe er Schulden. Beim Bezirk Charlottenburg hat er Geld fürs Streichen und Tapezieren beantragt, für neue Schränke und einen neuen Teppich. „Ich wollte, dass jemand vom Amt kommt und sich das hier ansieht“, sagt Rathmann und freut sich über den Besuch des sozialen Prüfdienstes.

Die Wände sind vergilbt, Sofa und Sessel durchgesessen, auf Schränken und Regalen stapeln sich bis unter die Decke Videokassetten, Plüsch- und Plastiktiere, Ersatzteile für Elektrogeräte, Decken, Werkzeug. Rathmann will für den Prüfdienstmitarbeiter eine Schranktür öffnen und hat gleich die ganze Tür in der Hand. Der Behördenmitarbeiter erkennt, hier ist wirklich Bedarf.

Rathmann ist gelernter Steinsetzer. „Aber das Baugewerbe ist tot“, sagt er. Er hat die Hoffnung aufgegeben, noch einmal in seinem Beruf Arbeit zu finden. Alle möglichen Umschulungen hat er mitgemacht, hat alte Leute betreut, bei einem Steinmetz gejobbt, für eine Umzugsfirma Kartons geschleppt – immer nur für ein paar Monate. Dabei würde Rathmann gerne arbeiten. „Von den 30 Euro, die im Monat netto bleiben, kann ich nicht leben.“ Außerdem: Würde er arbeiten, würde er tagsüber kein Geld ausgeben.

Um sein Einkommen aufzubessern, repariere er privat Elektrogeräte, verrät Rathmann dem Prüfdienstmitarbeiter. Der hört interessiert zu und notiert in die Akte, es bestehe Verdacht auf Schwarzarbeit.

Michael Rathmann sagt, er sei froh, dass er nur noch 1000 Euro Schulden habe. Die hängen ihm noch von früher an. Da hatte er Drogenprobleme und beging Straftaten. Jetzt ist er einfach stolz auf sich selbst. „Ich habe mich da rausgearbeitet.“

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