Berlin : Der Ideenverkäufer

Seine Info-Box am Potsdamer Platz wurde weltbekannt. Andere Projekte kamen aus der Planungsphase nicht heraus. Jetzt will Dirk Nishen ein 175-Meter-Riesenrad am Gleisdreieck aufstellen lassen. Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 soll es sich drehen

Marc Neller

Manchmal fehlt Dirk Nishen noch der kleine Gedanke, der seine Idee überzeugend macht, nur ein winziges Detail. Dann redet er. Spricht aus, was ihm in diesem Moment durch den Kopf geht, ohne den Gedanken lange zu wiegen. Er lässt ihn los und es funktioniert. „Selbst in einer wichtigen Verhandlung, wenn ich das Projekt gerade vorstelle. Ich kann diesen Einfall dann auch begründen, als hätte ich lange nachgedacht.“ Aber das dürfe man ja eigentlich gar nicht sagen.

Nishen trägt halblange blonde Haare, einen umgehängten Schal über dem Jackett und eine schwarzweiß gestreifte Jeans. Er ist Projektentwickler. Zu seinem Beruf gehört, dass er vor graumelierten Herren in graumelierten Anzügen, Krawatten und Leitungsfunktionen spricht, die erwarten, in nüchternen Konferenzräumen blendende Ideen zu hören. Ideen, aus denen möglichst schnell mehr Geld wird als man in sie investiert. Und dann gibt es diese Momente, in denen einer Idee Flügel wachsen oder Tragflächen.

Einige von Nishens Eingebungen haben überzeugt. Eine ganz besonders. Im Sommer 1994 bewegte er neun große Firmen und das Land Berlin dazu, einen roten Kasten auf den Potsdamer Platz zu stellen. In der Info-Box sollten Einheimische und Touristen begreifen, wie Berlin mal aussehen und was es bedeuten wird, wenn es eine zumindest halbfertige Hauptstadt ist. Wir machen das, sagten die Vorstände von Daimler-Chrysler, Sony, der Bahn und anderen. Sie hielten an dem Entschluss auch fest, als sich abzeichnete, dass die Info-Box doppelt so teuer werden würde wie geplant. Nishens Stadtplanungskiste wurde weltbekannt, rund neun Millionen Besucher haben sie von innen gesehen.

Es gibt aus Nishens Sicht gute Gründe, warum sein jüngstes XXL-Projekt auch gelingen sollte: ein mit Sonnenenergie betriebenes Riesenrad für 60 Millionen Euro. Bis zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 soll es neben dem Technikmuseum am Gleisdreieck stehen, das größte weltweit. Denn in seinem Leben nach der Erfindung der Info-Box galt für Dirk Nishen ein neues Maß. Wann immer er ein neues Projekt ankündigte hieß es: „Der Schöpfer der Info-Box“. Wie bisher warf er spektakuläre Ideen aus, einige jedoch verendeten schleichend.

Die Regierung Kohl lehnte es 1997 ab, eine Seilbahn zu bauen, die Touristen über die Baustellen des gerade entstehenden Regierungsviertels gondeln sollte. Der Himalaya-Tempel, den Nishen 2000, nach der Expo in Hannover, am Lehrter Bahnhof wieder aufbauen wollte, fand nicht den Weg nach Berlin. Die Finanzierung stand, doch irgendwann wollten die nepalesischen Betreiber elf statt der vereinbarten sechs Millionen Mark. Und im Sommer 2001 bescherte die heruntergekommene Pferderennbahn Hoppegarten Nishen statt eines Pferde-Erlebnisparks mit Museum und allem Pipapo ein Minus von einer halben Million Euro – Geld, das er für die Planungen vorgestreckt hatte. Er musste dann den Verlag schließen, den er 1982 gegründet hatte. „Ich war naiv, habe an Absprachen geglaubt. Jetzt glaube ich an Verträge“, sagt er heute.

Nun also hofft er auf das Riesenrad, 175 Meter hoch „und mit einer Aussicht von 50 Kilometern, wenn das Wetter gut ist“, sagt Nishen. Ob er fürchtet zu scheitern? „Klar, es gibt viele Ansprüche auf diesen Ort und die Flächen rundherum. Aber es ist einfach eine zu geile Location. Unser Rad kommt. Ganz sicher.“ Er schreitet den schlaglöchrigen Parkplatz ab, auf dem eine Decke aus grau-braunem Sand liegt und beschreibt mit dem rechten Zeigefinger den Lauf des Rades. Zweifellos braucht man Visionen, um an diesem Ort einen Superlativ von Weltformat zu sehen.

Nishens Visionen polarisieren. „Er hat die Fähigkeit mitzureißen“, sagt Petra Reetz, Sprecherin der Bauverwaltung. „Er kämpft für seine Ideen mit einer Leidenschaft, die manchmal an Naivität grenzt.“ Nishen habe Pech gehabt. Berlin sei nach dem Regierungsumzug eben nicht die boomende Metropole geworden, die Experten vorhergesagt hätten. „Ich glaube, dass man sein muss wie er, um außergewöhnliche Dinge durchzusetzen. Vielleicht braucht die Stadt genau so einen.“ Es gibt andere, die denken, dass Berlin vieles braucht, nur bitte nicht noch mehr teure Visionen. Franz Schulz zum Beispiel. Der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg hegt „eine gesunde Skepsis gegenüber dem Riesenrad“, denn es könnte durch die vielen Besucher Verkehrsprobleme verursachen. Schulz ist Grüner. So wie er denken viele Parteimitglieder in Kreuzberg.

Dabei hat Nishens Vita einiges mit der eines überzeugten Grünen seines Alters gemein. Er ist 51. Er war Waldorfschüler. Hat während des Studiums in Wohngemeinschaften zusammengelebt und hat in einem Weltbuchladen gearbeitet, den er mitführte. War mit Rio Reisers Band „Ton Steine Scherben“ auf Tour, um in seinem Verlag eine Biografie über sie zu veröffentlichen. Deren damalige Managerin Claudia Roth wurde später Bundes-Chefin der Grünen.

Hat und war und hat. Ein Lebenslauf mit vielen Episoden. Er sei viel ruhiger geworden, sagt Nishen, in jeder Hinsicht. „Früher hab’ ich gedacht: Scheiße, Dirk, du machst so vieles, aber nichts kannst du richtig.“ Inzwischen sieht er in seiner Vielseitigkeit seine Stärke. „Ich achte sehr genau auf mein Gefühl, bevor ich Entscheidungen treffe.“ Das Gefühl hat ihm souffliert, dass es gut ist, wenn er für Wolfgang Clement, den Wirtschaftsminister, und dessen Programm „Teamarbeit für Deutschland“ Ideen produziert. Nishen stellt seine Ideen hin, sieht zu, was andere daraus machen. Und geht. „Der Betrieb interessiert mich nicht mehr.“ Einmal hat er ihn interessiert: Als er die Info-Box leitete. Getrennt hat er sich trotzdem. Andere wollten sie nach dem großen Zuspruch anderswo aufbauen. Dirk Nishen sagt, er nicht. „Die Box ist interessanter, seit es sie nicht mehr gibt. Sie ist jetzt Kult.“

Gerade feilt er an zwei neuen Ideen, die weniger nach Kult klingen und die umzusetzen keine zweistelligen Millionenbeträge kosten werden. Einen Bring-Service für belegte Ciabatta, mit echtem italienischen Schinken, und einen Vertrieb für Autoteile. Ein Freund, Ingenieur in Hockenheim, hat einen Klebestreifen mit einem Computer-Chip entwickelt, mit dem Motoren ruhiger laufen sollen. „Die Motoren verschleißen langsamer, die Autos brauchen weniger Benzin. Zack. Das Potenzial ist hoch, weltweit.“

Kleiner geht’s selten. „Ich hab’ mir oft gesagt: Dirk, du willst doch nicht immer die großen Projekte machen. Aber ich kann nicht anders.“ Er sagt das und lächelt über sich. „Selbstironie beflügelt die Gedanken.“ Das Geschäft mit Geistesblitzen ist hart.

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