Berlin : Der Ingenieur Gerhard Heise reparierte nach dem Krieg Berliner Brücken

Wenn sich ein Jahrh,ert neigt[haben Erinnerunge]

Wenn sich ein Jahrhundert neigt, haben Erinnerungen Konjunktur. Oft berichten die "Profis" der Geschichte: Politiker, Wissenschaftler, Künstler. In unserer Serie kommen Berlinerinnen und Berliner zu Wort, in deren persönlichen Erlebnissen sich die "große Geschichte" spiegelt. Viele Gesprächspartner hat uns die "Zeitzeugenbörse" (Tel.: 44 04 63 78) vermittelt.

"Was ich bis zum 17. Lebensjahr an Erfahrungen gesammelt habe - Arbeitsdienst, Bombenangriffe auf Berlin, Hunger, Kälte - das hat mich sehr geprägt. Alles, was danach kam, war harmlos. Wenn jemand auf der Baustelle sagte, "Ach, wir haben solche Probleme, wie sollen wir das bloß schaffen", konnte ich darüber nur lächeln. Ich fühlte mich nie überfordert, obwohl ich doch mit 19 Jahren Berlins jüngster Tiefbauingenieur und Brückenbauer war.

Ich wurde 1928 in Berlin geboren, wuchs in Kreuzberg auf, zehn Minuten vom Anhalter Bahnhof. Bis 1942 besuchte ich die Volksschule. Auf die Oberrealschule konnte ich nicht gehen, weil das 20 Mark Schulgeld kostete. Das konnten wir uns nicht leisten. Mein Vater war Platzmeister bei Schultheiss, und im Krieg war er Soldat. Er wurde in Norwegen eingesetzt, als Maschinenwart im Bunkerbau für die Zivilbevölkerung.

Also machte ich meinen Volksschulabschluss und eine Lehre als "bautechnischer Junghelfer" bei der Deutschen Reichsbahn. Das war der Einstieg in die Assistentenlaufbahn, aber ich wollte höher hinaus. An vier Tagen der Woche besuchte ich abends die Aufbauschule, um die Mittlere Reife nachzuholen. Und im letzten Lehrjahr schickte mich die Reichsbahn zum Vorsemester an die Ingenieursschule für Bauwesen. Bevor ich im Herbst 1944 zum Arbeitsdienst eingezogen wurde, schaffte ich noch die Aufnahmeprüfung für das Ingenieursstudium.

Kaum waren wir in Litzmannstadt, dem heutigen Lodz, angekommen, mußten wir auch schon den Rückzug antreten. Die Hälfte unserer Kindertruppe kam durch den Beschuss der sowjetischen Truppen um. Wir Überlebenden wurden nach Regensburg transportiert, zum Militär verpflichtet und sollten im März 1945 über Brandenburg nach Flensburg verlegt werden. Unterwegs hatten wir Beschuss von Tieffliegern. Ich nutzte das Chaos und setzte mich mit meinem Reichsbahnerausweis in einen Zug nach Berlin. Ich behauptete, versprengt zu sein. Ich hielt mich bis zum Kriegsende auf unserem Laubengrundstück in Tempelhof verborgen. Als Deserteur galt ich nicht, weil ich noch nicht vereidigt war.

Viele Berliner glaubten damals noch an den Endsieg. Ich gehörte nicht dazu. Dass sie zum Beispiel noch die Brücken in der Innenstadt gesprengt haben, um den Vormarsch der Russen zu stoppen, empfand ich als unsinnig. Jedenfalls gab es einen großen Bedarf an Bauingenieuren.

Schon im Juli 1945 eröffnete der Magistrat den Lehrbetrieb der Ingenieursschule für Bauwesen. Um mich einschreiben zu können, musste ich mich ein Jahr älter machen. Ich war ja erst 17 Jahre alt. Man konnte erst mit 18 das Studium aufnehmen. Meine Kommilitonen waren etwa zehn Jahre älter als ich, junge Offiziere, die nichts als Töten gelernt hatten. Jetzt wollten wir alle schnell fertig werden und Arbeit finden, um Hunger und Kälte zu entgehen. Im ersten Studienjahr waren wir sieben Studenten, bis zum Schluss wurden es siebzehn. Wir studierten fünf Semester bis zur Abschlussprüfung als Ingenieur für Tiefbau.

Am 1. Juli 1948 trat ich meine erste Stelle an - bei der im Ostsektor gelegenen Tiefbaufirma Wassman & Co. Ich wurde von Geschäftsführer Hawranke ins kalte Wasser geworfen. Er fuhr mit mir an die zerstörte Teltowkanal-Brücke in Köpenick und sagte: "Das ist ab heute Ihre Baustelle." So wurde ich mit 19 Jahren Bauleiter. Die Arbeit klappte sehr gut, ich war ja sehr anstellig. Aber irgendwann merkte ich, dass der Chef eine Aversion gegen mich hatte. Er schrie mich an, wenn ein Betonmischer kaputt ging oder weil ich angeblich zu früh betoniert hatte. Als ich ihn fragte, was los sei, erzählte er mir, dass er einen Sohn in meinem Alter hatte, der mir auch noch ähnlich sah. Der war im Endkampf gefallen, und jetzt sah er mich munter über die Baustelle laufen. Später haben wir uns dann sehr gut verstanden. Als der Betrieb 1949 verstaatlicht und dem VEB Tiefbau einverleibt wurde, ernannte man ihn zum Hauptabteilungsleiter. Mich nahm er als Bauleiter mit.

In den Jahren 1949, 1950 leitete ich bis zu vier Baustellen gleichzeitig: Von der Mühlendammbrücke und von der Marschallbrücke war nur noch das Stahlgerüst vorhanden, da haben wir neue Stahlbetondecken eingezogen und die Asphaltdecke aufgebracht. Zwischen den S-Bahnhöfen Friedrich- und Oranienburger Straße gab es einen Wassereinbruch durch Bombeneinwirkung. Schwer beschädigt war die Rathausbrücke, eines von drei Gewölben lag im Flussbett. Schlimm war der Materialmangel. Wir brauchten Stahlarmierungen. Die bekamen wir aus gesprengten Bunkern. Der Armierungsstahl wurde mit Presslufthämmern von Betonresten befreit und dann von Frauen auf langen Tischen gerade gehämmert.

Mich als jüngsten Bauleiter setzten sie auch bei Brücken in der Innenstadt ein. Die mussten schnell fertig werden, weil Partei und Gewerkschaft die Arbeiter zum 1. Mai aufmarschieren lassen wollten. 1950 wurde drei Wochen vor dem Maifeiertag festgestellt, dass das Gewölbe der Gertraudenbrücke einen von außen nicht sichtbaren Sprengschaden hatte. Wenn die Demonstrationszüge so darübergegangen wären, hätte Einsturzgefahr gedroht. Wir machten eine Notreparatur, indem wir eine Art Plombe einsetzten. Als ich jetzt hörte, dass die Gertraudenbrücke wieder für Autoverkehr genutzt werden soll, habe ich das dem Bausenator in einem Brief mitgeteilt.

Die Politik haben wir unter uns Ingenieuren immer außen vor gelassen. Wir wollten Brücken bauen und so schnell wie möglich aus dem Schlamassel rauskommen. Die VEB-Chefs waren natürlich Parteileute. Jeden Mittwoch war die sogenannte "Besprechung", das war eine Schulung unter der Leitung des SED-Parteisekretärs. Ich hielt das alles für Quatsch, der uns nur von der Arbeit abhielt. Beim dritten Mal ließ ich von der Baustelle anrufen, ein Bagger sei kaputt. Das "passierte" so zwei, drei Mal, und dann brauchte ich gar nicht mehr zur Besprechung zu kommen. Trotzdem wurde mir 1952 eine Wohnung in der Stalinallee angeboten. Ich sollte mich allerdings erkenntlich zeigen, indem ich endlich in die Partei eintrat. Aber ich hatte mir 1945 geschworen, niemals in eine Partei zu gehen. Ich kündigte beim VEB und ging zu einer kleinen Firma nach West-Berlin."Aufgezeichnet von Amory Burchard

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