• Der Inselälteste sorgt sich um "sein" Idyll - der früherer Polizeipräsident Georg Schertz lebt auf Schwanenwerder und betrachtet die Bezirkspolitik mit Distanz

Berlin : Der Inselälteste sorgt sich um "sein" Idyll - der früherer Polizeipräsident Georg Schertz lebt auf Schwanenwerder und betrachtet die Bezirkspolitik mit Distanz

Katja Füchsel

Am 10. Oktober wird in den Bezirken gewählt. Der Tagesspiegel hat bekannte Berliner gefragt, was sie über die "Politik im Kleinen" denken.

In Berlin machte sich der Mann als Richter und Polizeipräsident einen Namen. Auf Schwanenwerder erlangte Georg Schertz als "Inselältester" Bekanntheit: Der 64-Jährige ist auf dem Zehlendorfer Eiland geboren, aufgewachsen, und er lebt auch heute noch mit seiner Frau im Haus seines Vaters. Man stellt sich unter Schwanenwerder gleich etwas pompös Villenartiges vor, aber dies Häuschen ist winzig klein. Es sieht aus wie ein auf Grund gelaufenes Wohnhausboot. Erwin Schertz - ein Polizeioffizier, der von den Nazis frühzeitig in den Ruhestand geschickt worden war - baute die Villa 1934 auf einer Grundfläche von fünf mal acht Metern. Die Russen haben sie beim Einmarsch für ein Pförtnerhaus gehalten.

Klein, aber mit einem atemberaubenen Ausblick: Denn nur vom Wohnzimmer der Inselstraße 2 aus kann man auf der einen Seite über die Havel in Richtung Pfaueninsel sehen, auf der anderen gen Norden: Schwäne, Segelboote, Strandbad. Wenn sich der ehemalige Polizeipräsident in seinem Wohnzimmer zur Zeitungslektüre niederlässt, interessiert ihn vor allem eines: die Landespolitik. "Aus aktuellem Anlass verfolge ich dann auch die Bezirkspolitik."

Wie im vergangenen Februar beispielsweise, als das Heulen der Motorsägen über das Eiland klang: Ein Bauunternehmer hatte das 4400 Quadratmeter große Grundstück an der Inselstraße 1-3 erworben und ließ von den 168 Bäumen 85 fällen. "Durch diesen Kahlschlag wurde der Charakter des unteren Inselteils zerstört", klagt Schertz. Er schlug Alarm, schrieb dem Bürgermeister - die Bäume fielen dennoch. Bei den Nachbarn habe die Aktion einen "faden Nachgeschmack" hinterlassen. "Schließlich wurden uns seit Jahren Auflagen gemacht, wenn wir nur einen Ast stutzen wollten."

Aktiv wird Schertz auch regelmäßig im Sommer, wenn die falsch geparkten Autos der Erholungssuchenden den Wannseebadweg, die einzige Zufahrtsstraße zur Insel blockieren. An schönen Tagen sei der Weg zuweilen über zwei Stunden "unpassierbar" - und zwar auch für Feuerwehr und Krankenwagen. Das Parkverbot werde von der Polizei nicht konsequent überwacht, sagt Schertz. "Vermutlich muss wieder erst einmal was passieren, bevor sich etwas ändert." Als "ein ganz trauriges Kapitel" bezeichnet Schertz das Thema Einkaufen in seiner Gegend. Früher zog es ihn mit seiner Frau noch zum S-Bahnhof Nikolassee zum Einkauf. Dies habe aber mit der Neugestaltung des Platzes ein Ende gefunden. "Die Arbeiten haben so viele Jahre gedauert, dass reihenweise die Geschäfte eingegangen sind." Heute gebe es am Platz noch nicht einmal einen vernünftigen Bäcker, auch die Post habe man geschlossen. "Wenn ich Briefmarken kaufen will, muss ich bis nach Schlachtensee fahren", schimpft Schertz. Die anstehende Bezirksfusion begrüßt der Jurist im Ruhestand "rückhaltlos". Ginge es nach ihm, wäre "der aufgeblähte Apparat mit den vielen Stadträten und ihren hohen Gehältern" noch stärker eingedampft worden. Im Gegensatz zu Zehlendorf habe er zu Steglitz allerdings keine Beziehung. "Die Affinität der Menschen zu ihrem Kiez hat nicht unbedingt was mit der politischen Gliederung zu tun." Schertz fühlt sich schon eher zu Tiergarten hingezogen, wo sich seine Vorfahren 1815 niedergelassen hatten. Bis heute verfügt die Familie in Alt-Moabit über Grundbesitz. "An der Straße haben wir gerade ein siebengeschossiges Haus gebaut."

Sorgen macht sich Georg Schertz zuweilen über "seine" Insel. Denn seit Jahren versucht der Senat, die landeseigenen Grundstücke auf der Insel zu veräußern. Ein schwieriges Unternehmen, denn die zum Teil über 20 000 Quadratmeter großen Grundstücke dürfen laut "Inselordnung" nicht geteilt werden. 15 Millionen Mark können aber nur die wenigsten für ein Grundstück ausgeben. Nun fürchten die Nachbarn, dass die Bauordnung geändert wird, um Stadtvillen zu bauen. "Landschaftlich wäre das eine Katastrophe."

Vertreiben ließe sich der "Inselälteste" vermutlich auch dann nicht von Schwanenwerder. Als die Mauer noch stand, hat man ihm 3,5 Millionen Mark geboten. Schertz blieb unbeeindruckt. "Ich hätte mich doch selbst entwurzelt."

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