Berlin : Der Irrsinn hat ein Gesicht

Michael Jackson ist da – oder ist es nur ein Geist?

Christine-Felice Röhrs

Eigentlich hatte ja gaaaanz geheim gehalten werden sollen, dass Michel Jackson nach Berlin kommt. Erst Stunden vorher hatten die Veranstalter der Bambi-Verleihung das „Geheimnis“ gelüftet, dass ER am Donnerstagabend tatsächlich da sein sollte, zur Ehrung für sein Lebenswerk. Aber sie hat nichts genützt, die Geheimnistuerei. Wozu gibt es Fan-Clubs, um nicht alle, die es wissen wollen, über jede Bewegung dieses weißhäutigen Gottes auf Erden zu informieren. Mehr als 200 Bewunderer waren da, als der Popstar samt seiner drei Kinder gestern am Adlon vorfuhr: Berliner, Frankfurter, Leipziger, Fans aus Dänemark, der Schweiz und wer weiß noch woher. So oft zeigt sich Jacko schließlich nicht öffentlich.

Jackson in Berlin, das sieht so aus: Zuerst sind die Wartenden noch ganz ruhig. Aber je näher der angekündigte Zeitpunkt rückt, desto häufiger läuft ein Zittern durch die Menge bei jeder schwarzen Limousine. Da! Da fahren welche Richtung Hintereingang, die Hälfte stürzt hinter. Reingefallen. Täuschungsmanöver. Gemein, schmollt eine. Eine andere zeigt das Medaillon, in dem Haare von Jacko sind. Hat ER sich selber mal abgeschnitten, und jetzt trägt sie die Strähne überm Herzen.

Und dann geht’s los.

Jacko, da isser, fährt vor, oh Gott, japsen die Menschen, und alles schubst, rempelt, stürzt nach vorn. Die Sperren halten nicht, zerbrechen wie Streichhölzer. „Miiiiicheal“. Der steigt aus, rotes Hemd, schwarze Jacke, Sonnenbrille, wie immer was vorm Gesicht, und taucht sofort unter in der Menschenmenge. ER lacht – ein Wunder, muss er, der zu Haus im Sauerstoffzelt lebt, doch Horroszenarien vor Augen haben von Bazillen, die ihn umfluten aus weit geöffneten, Mündern, die „kiss me, kiss me“ formen. Sogar eine Hand schnappt sich der Star und drückt die Lippen drauf. Ohgottichfallum, stöhnt die Geehrte. War viel Lippenstift dran, wird sie später sagen. Blumenkästen zerbrechen, ein alter Mann stürzt, ein Mädchen fällt in Ohnmacht.

Vielleicht ist Jacko-Treffen für Fans wie ein Orgasmus: kurz aber gut. Nur Sekunden dauert es, bis ER im Adlon verschwindet. Dass der Mann immerhin schon so lange abgetreten ist von der Bühne (naja, wenigstens mit den guten Sachen), dass er jetzt schon für’s Lebenswerk geehrt wird (was ja fast schon einer Grabrede gleichkommt), das hat dem Starkult keinen Abbruch getan. Teenager waren da, die zu seiner Hoch-Zeit noch Hänschenklein gehört haben.

Später gibt’s gleich mehrere Nachbeben. Da erscheint ER am Fenster, hält sich die Gardine vor’s Gesicht, lässt fast das Baby fallen und wirft ein Handtuch für die Devotionalienjäger. ER sei bester Laune, richtet die Adlon-Sprecherin aus. Und dann, es ist kaum noch genug Energie da, um diese Abfolge von Wundern zu begreifen, geht der Gottgleiche auch noch wie ein ganz normaler Mensch zu Dussmann und kauft sich den Soundtrack von E.T. Fälschung! stöhnen da schon die Ersten. Ob’s bloß ein Double war?

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