Berlin : „Der ist doch tot, oder?“

Was Jüngere über Wolf Biermann wissen

Verena Friederike hasel

„Ey, wer is’n Wolf Biermann?“, ruft Justus seinem Freund zu, doch der ist mit einem Mal schwer mit seinem Rucksack beschäftigt. Justus guckt noch einmal hilfesuchend zu ihm hinüber, zuckt dann mit den Schultern. „Ich kenne nur Wolfgang Thierse“, sagt der 15-Jährige. „Aber meine Eltern wissen das bestimmt.“

Dass die Generation 40 plus den Liedermacher aus der DDR kennt, ist klar. Fraglich ist dagegen, ob auch die Jüngeren etwas mit dem Namen Biermann anfangen können. Nils, 14 Jahre alt, hat wenigstens eine Vermutung: Das sei bestimmt ein Politiker, sagt er. „Wahrscheinlich von der CDU.“ Der 18-jährige Marco Ring probiert’s mit dem Ausschlussprinzip: „Auf jeden Fall ist es kein Sportler.“ Weiter weiß er nicht. Da liegt Julia Pusch schon dichter dran: „Ich glaube, es war ein Sänger.“ Sie hätten im Musikunterricht mal ein Lied von ihm gehört, glaubt die 18-Jährige. An eine Zeile könne sie sich noch erinnern: „Als ich fortging, war die Straße steil“. Um Politik sei es ihrer Meinung nach nicht gegangen, sondern um Abschied. Allerdings: Julia irrt, dieser Text stammt nicht von Biermann.

Die 21-jährige Daniela Sachse weiß nur, dass Biermann etwas mit Nina Hagen zu tun hat: „Die hat in einer Talkshow mal erzählt, dass er eine Vaterfigur für sie ist.“ Als sie erfährt, dass Biermann ein DDR-Kritiker war und nun vielleicht Berliner Ehrenbürger wird, ist sie erfreut. Sie selbst ist in Magdeburg geboren, studiert nun in Essen Kulturwirtschaft. Das sei nicht immer leicht, sagt sie, da kämen schon mal blöde Sprüche. Auch sie selbst würde gern mehr über die DDR erfahren. Ihr Vater zum Beispiel sei ein Jahr in DDR-Haft gewesen. „Danach war er ganz verändert.“ Doch über das Erlebnis geredet habe er nie. „Da ist es gut, wenn so einer eine Auszeichnung bekommt.“

Dass Biermann diese eventuell erhält, daran kann sich Christian entfernt erinnern: „Das habe ich irgendwo gelesen.“ Der Rest liegt im Dunkeln: Ob Biermann nun Physiker, Astronaut, Fußballer oder Künstler gewesen sei, das wisse er nicht, sagt der 25-jährige Student, der in Westdeutschland aufgewachsen ist. Christoph ist zwei Jahre älter und stammt aus Ost-Berlin, und er weiß, dass Biermann Sänger war. „Der hatte zwei, drei richtig bekannte Lieder“, sagt der Gerüstbauer. „Und ’Guantanamera’ hat er nachgesungen.“ Auf die Frage, was aus ihm geworden sei, zuckt Christoph mit den Schultern: „Der ist doch tot, oder?“

Johannes Pause weiß nicht nur, dass Biermann noch lebt, er weiß auch wo: „Der ist nach Blankenese gezogen.“ Der 30-jährige Doktorand ist der Einzige, der das Konzert in Köln erwähnt. Er kennt sogar einzelne Lieder des Musikers: „’Warte nicht auf bessere Zeiten’ ist ein ganz großer Song.“ Auch der 30-jährige Psychologe Sascha Göttling hat schon Lieder von Biermann gehört: „Die liefen früher auf unseren Kirchenfreizeiten.“ Dementsprechend hat er Biermann auch vor allem als Liedermacher im Kopf. „Für mich ist er ein freier Denker und Intellektueller“, sagt die 28-jährige Studentin Sarah Jurkiewizc. „Er hat die DDR kritisiert und dafür wurde er dann gegangen.“ Was genau passiert ist, weiß die junge Frau nicht, ebenso wenig ist ihr bekannt, dass Biermann ursprünglich aus dem Westen stammte und freiwillig in die DDR gegangen war. Das erwähnt allerdings auch kaum ein anderer, aber zumindest scheinen den Über-30-Jährigen die groben Eckdaten Biermanns bekannt zu sein: War Musiker, war aufsässig, wurde ausgebürgert aus der DDR. Ob er nun Ehrenbürger wird oder nicht – nun ja, da gibt es Wichtigeres, ist der Grundtenor; so richtig ernst genommen wird die Aufregung nicht. „Warum bekommt eigentlich nicht David Hasselhoff die Ehrenbürgerwürde?“ fragt der 27-jährige Daniel Tödt. Der sei auch Liedermacher und habe sich mit „Looking for freedom“ sehr verdient gemacht um die Wende. „Wenn der dann für eine CD einen Track aufnehmen würde mit Biermann, das wäre doch was.“

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