Berlin : Der jüngste Bruder gesteht die Schüsse auf Hatun Sürücü

In Moabit begann der Prozess um den Mord an der 23-jährigen Deutsch-Türkin

Katja Füchsel

Einzeltäter oder Bauernopfer – die ganze Wahrheit über den Mord an Hatun Sürücü wird die deutsche Justiz vielleicht niemals herausfinden. „Ich habe meine Schwester getötet, ich habe die Tat allein begangen, niemand hat mir geholfen“, ließ Ayhan S., der jüngste Bruder der 23-jährigen Deutsch-Türkin, gestern seinen Verteidiger im Moabiter Kriminalgericht verlesen. Er ist fast noch ein Junge, mit kurzem schwarzen Haar, Schnurrbart und dunklem Hemd.

Auf der Anklagebank verzieht keiner der drei Brüder – 19, 24 und 26 Jahre alt – die Miene, während der Verteidiger das Geständnis des Jüngsten vorliest. Ja, an Mord habe Ayhan S. schon lange gedacht, heißt es darin, weil er Hatuns „Lebensführung missbilligte“, sie fortwährend die „Familienehre“ kränkte. Als seine Schwester bei einem Streit konterte, dass sie schlafe mit wem sie wolle, habe Ayhan S. rot gesehen. „Das war zu viel für mich, ich schoss.“ Heute bereue er die Tat.

Drei Pistolenschüsse hallten am Abend des 7. Februars durch die Tempelhofer Oberlandstraße. Hatun Sürücü starb, im Kopf getroffen, noch auf dem Pflaster. Die Ermittler erinnerte das Szenario an eine Hinrichtung, die Polizei hegte den Verdacht, dass bei einem Familienrat die Ermordung der Abtrünnigen beschlossen wurde – beweisen konnte sie es nicht. „Die Ermittlungen dazu wurden eingestellt“, heißt es bei der Justiz.

Aynur – so nannten alle die 23-Jährige und das heißt: Jemand, der so hell leuchtet wie der Mond. Sie war in Berlin aufgewachsen, doch als 15-Jährige mit einem Cousin in der Türkei verheiratet worden. Nachdem Hatun Sürücü 1999 hier ihren Sohn Can auf die Welt gebracht hatte, weigerte sie sich, wieder in die Türkei zurückzukehren. Hatun Sürücü legte den Schleier ab, schnitt ihr Haar kurz, suchte sich ihre Freunde fortan selber aus, nahm sich eine eigene Wohnung und begann eine Lehre als Elektromechanikerin.

Zu viel – jedenfalls für Hatuns erzkonservative Familie aus der kurdischen Provinz Erzurum, in der fünfmal täglich nach sunnitischem Ritus gebetet wird. Nach Auffassung der Anklage waren drei der insgesamt fünf Brüder an dem Mord beteiligt: Einer besorgte demnach die Pistole, einer stand Schmiere, einer schoss. Sie hätten nichts mit der Tat zu tun, geben die beiden Älteren zu Protokoll.

Es war Melek, die die drei auf die Anklagebank brachte. „Wir liebten uns, wollten heiraten“, sagt Ayhan S. über seine 18-jährige Freundin. Ihr habe er sich anvertraut, sie in seine Pläne eingeweiht. Nur, dass seine Brüder mit von der Partie waren – das sei gelogen gewesen. Heute lebt Melek unter Polizeischutz, die 18-Jährige soll am Montag im Prozess aussagen.

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