• Der jüngste Wahlmann schläft im Studentenhotel Cedric Bickel (18) wählt den Bundespräsidenten

Berlin : Der jüngste Wahlmann schläft im Studentenhotel Cedric Bickel (18) wählt den Bundespräsidenten

Juris Lempfert

Schade. Als Mitglied der Bundesversammlung hätte Cedric Bickel eigentlich „fett erster Klasse“ mit dem Zug nach Berlin fahren können. Der 18-jährige Thüringer ist einer – und der jüngste – von insgesamt 1205 Wahlmännern und -frauen, die am morgigen Sonntag im Reichstag den neuen Bundespräsidenten wählen. Anreise in der ersten Klasse, Hotelübernachtung, Tagegeld, Verpflegungspauschale – der Bundestag sorgt für die Delegierten. Allerdings: Bezahlt wird erst hinterher. Alle Ausgaben müssen vorgestreckt werden. Doch das kann sich Cedric Bickel nicht leisten. Er steckt mitten in den Abi-Prüfungen, das Geld sitzt nicht gerade locker. Er war froh, dass seine Mutter ihm überhaupt erlaubt hat, zu fahren – um Geld wollte er sie nicht bitten. Deshalb ist Bickel am Ende dann doch nur zweiter Klasse gefahren. Die Nacht von Freitag auf Samstag schläft er in einem Studentenhotel in Wilmersdorf. Von Samstag auf Sonntag übernachtet er dann aber im Swissôtel, denn für einmal fünf Sterne reicht es dann doch.

Um zehn Uhr will Cedric Bickel in den Gottesdienst im französischen Dom. Gegen elf dann zum Reichstag. Die zig Seiten Info-Material hat er gründlich studiert. Er fühlt sich gut vorbereitet. „Die Organisatoren haben gute Arbeit geleistet“, sagt er. Insgesamt 1000 Bundestagsmitarbeiter haben im vergangenen Jahr die Wahl des neuen Bundespräsidenten vorbereitet, heißt es aus der Bundestagsverwaltung. Los geht es um 12 Uhr. 1000 Journalisten aus aller Welt werden die Wahl beobachten.

Die Thüringer CDU hat Bickel in die Bundesversammlung geschickt – vor der Europawahl wohl als Zeichen an die jungen Wähler gedacht. Dabei ist Bickel, der vor zwei Jahren im thüringischen Zella-Mehlis den Stadtverband der Jungen Union gegründet hat, kein pflegeleichter Kandidat. Der Schüler hat von Anfang an keinen Hehl daraus gemacht, dass sein persönlicher Präsidenten-Favorit gar nicht zur Abstimmung steht. „Bernhard Vogel war mein Wunschkandidat“, sagt Bickel. „Er steht für eine bessere Ost-West-Verständigung.“ Aber jetzt wird er eben für Horst Köhler stimmen. Parteidisziplin ist für ihn, der später Bundeswehroffizier werden möchte, kein Schimpfwort. Und schließlich ist Konrad Adenauer sein großes politisches Vorbild („der hat auch mal ganz unkonventionell entschieden“). Bickel geht davon aus, dass „Köhler gleich im ersten Wahlgang durchkommt“. Überraschungen erwartet er keine. Außer einer vielleicht. „Hoffentlich“, sagt er. Dass sich im Plenum sein großer Wunsch erfüllt: Wenn er schon nicht für Bernhard Vogel stimmen kann, dann zumindest neben ihm sitzend.

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