Berlin : Der Junge vom Spielzeug-Flugplatz

Tempelhof prägte Generationen in Berlin. Frank Muschiol erkannte sich auf einem alten Foto wieder

Christian van Lessen

Ernst blickt der kleine Junge. Wie fast alle Jungs auf dem Foto. Er ist der zweite von rechts. Sie hocken im Halbkreis, auf einer Brachfläche, die sie zum Spielplatz erklärt haben. Es könnte aber auch ein Hinterhof sein. Sie hantieren mit vier kleinen Flugzeugen und einem Modellauto und spielen „Flugplatz“. Jedenfalls sieht es so aus. Weil sie mit Trümmersteinen ein halbrundes Gebäude geformt haben, das an die Form des Flughafengebäudes Tempelhof erinnert, spielen sie „Tempelhof in der Blockadezeit“. Vielleicht spielen sie auch was anderes. Sicher ist sich Frank Muschiol nicht. Er war damals höchstens vier, als das Foto entstand.

„So sah ich aus.“ Nein, der Zweite von links sei nicht Eberhard Diepgen. Und die anderen Jungs auch nicht aus Schöneberg, wie eine Lehrerin glaubt. Als Frank Muschiol das Foto kürzlich im Tagesspiegel sieht, erkennt er gleich seine Züge. Er schaut in alten Familienalben nach und sieht sich bestätigt. Auch seine Schwester hat keine Zweifel: „Das bist du!“

Die Muschiols, der Vater besitzt einen Malereibetrieb, wohnen in der Nachkriegszeit an der Nassauischen Straße in Wilmersdorf. Der Pressefotograf Kindermann wohnt gleich nebenan. „Ein großer Mann mit Ledermantel und Hut“, erinnert sich Frank Muschiol. Immer wieder greift der große Mann zur Kamera, wenn er Kinder auf den zahlreichen Ruinengrundstücken oder auf den Höfen spielen sieht. Die Eltern kennen ihn. Berliner Zeitungen bringen damals viele rührende Kinderbilder. So gewöhnen sich die Kinder an der Nassauischen Straße daran, öfters mal abgebildet zu werden. Oft erscheinen ihre Fotos zweimal im Monat. Manchmal ist das Fotografiertwerden etwas lästig. Vielleicht erklärt das auch die ernsten Mienen auf etlichen Fotos. Es gibt viele davon, aber Muschiol hat das „Tempelhof-Bild“ nie zuvor gesehen.

Das Spielen mit Modellflugzeugen, kleinen Rosinenbombern, ist damals in Mode. Bei Kindern jedenfalls, die so ein tolles Spielzeug in die Hände kriegen. Dass Kindermann sie beim Tempelhof-Spielen erwischt, „hat eine gewisse Wahrscheinlichkeit“, sagt Muschiol. Vielleicht sind er und die anderen Jungs, von denen er keinen mehr kennt, auch nur in Positur gesetzt worden. Der Fotograf bekommt jedenfalls sein rührendes Tempelhof-Bild, das Jahrzehnte später als Motiv „Kinder spielen Tempelhof während der Blockade“ die alte Verbundenheit der Berliner mit dem Flughafen bekunden kann. Was bei dem aktuellen Volksbegehren für die Fortsetzung des Flugbetriebs von einer gewissen Bedeutung ist.

Das Foto ist Historie ohne verbürgtes Datum. Der Fotograf kann nicht mehr befragt werden. Muschiol ist Jahrgang 1949, da hörte die Blockade auf. Der kleine Frank auf dem Bild ist aber älter, die Lederhosen und die Spielzeugflugzeuge deuten auf bessere Zeiten hin, vermutlich 1953. Aber über die Blockade ist auch in dieser Zeit noch viel gesprochen worden, „sie war in unserem Bewusstsein“, sagt Muschiol. So wundert ihn nicht, dass dieses alte Foto mit der Blockade und mit Tempelhof, dem Lande- platz für die Rosinenbomber, in Verbindung gebracht wird. Muschiol ist heute Chef einer mittelständischen Firmengruppe mit rund 500 Mitarbeitern und fast 20 Jahre Vorsitzender des Tennisclubs Blau Weiß. Auch er hat beim Volksbegehren für Tempelhof gestimmt, „weniger aus Nostalgie, mehr aus Gründen der Wirtschaftsförderung“. Berlin habe genug Grün, brauche kein Wiesenmeer, sondern Investitionen, für die der City-Flughafen ein Standortvorteil sei. So spricht ein Mann der Wirtschaft. Und dabei guckt er ernst. Fast so wie damals, als kleiner Junge mit dem Spielzeug. Christian van Lessen

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