Berlin : Der Junior vom Seniorentreff

Nicolas Schulze ist erst 15 und verbringt doch jeden Freitag seine Freizeit mit alten Menschen – freiwillig, aber im Rahmen eines Schulprojektes

Johannes Batzdorf

„Unser Nicolas ist der Beste“, sind sich die neun Alten beim AWO-Seniorentreff einig. Nicolas Schulze (15), von dem in heiterer Runde bei der Arbeiterwohlfahrt in der Schöneberger Goltzstraße 19 die Rede ist, senkt den Altersdurchschnitt der Gruppe gewaltig. Er gehört zu den Schülern der Riesengebirgs-Oberschule, die am Projekt Service Learning teilnehmen. Jugendliche arbeiten dabei ehrenamtlich in sozialen Einrichtungen. Mit Feuer und Flamme ist Nicolas bei seiner freiwilligen Betreuungsarbeit dabei. Und auch die Senioren sind begeistert. Erna Palm (82), die schon seit Jahren zum Treff kommt, sagt: „Wenn Nicolas nicht da ist, dann fehlt uns etwas.“

Seit vergangenem November geht der Achtklässler jede Woche zum Treff am Freitagmittag. Dann hilft er den 70- bis 92-Jährigen beim Tischdecken und Abräumen; er kauft Kuchen, macht mit den Senioren Gesellschaftsspiele und unterhält sich mit ihnen. Vom Generationenkonflikt ist keine Spur. „Es gibt Jugendliche, die es langweilig finden, sich mit Senioren zu unterhalten. Ich höre den Leuten gerne zu“, sagt Nicolas. Und dafür haben ihn die Leute vom Treff ins Herz geschlossen. „Es ist toll, dass er sich um uns Ältere kümmert und so gut zuhört“, sagt die 88-jährige Charlotte Baer.

Nicolas hält viel vom Service Learning: „Man trifft auf Menschen, die man im Alltag nicht wahrnimmt.“ Und er geht jetzt mit alten Menschen ganz anders um: „Ich habe gelernt, dass Alte überhaupt nicht lästig sind.“ Im Gegenteil: „Sie wollen mir sogar beim Tragen helfen, obwohl ich ja derjenige bin, der ihnen helfen möchte“, sagt Nicolas. Auch seine Mitschüler hat das Projekt verändert. „Wir gehen jetzt viel kameradschaftlicher miteinander um und sind nicht so aggressiv, weil wir alle etwas Freundliches in unserer Arbeit erlebt haben.“

Annemarie Perlberg (60), ehrenamtliche Betreuerin bei der Arbeiterwohlfahrt, unterstützt Nicolas während der Nachmittagsbetreuung. Die Idee des Service Learning findet sie gut. Auch sie sagt: „Nicolas gehört schon beinahe hier her zu uns.“

Der Schüler hatte tatsächlich von Anfang an seinen festen Platz in der Runde. Obwohl er den Treff eigentlich nur etwa eine Stunde pro Woche hätte betreuen müssen, hat es ihm dort gleich so gut gefallen, dass er ganze drei Stunden lang blieb. Und so sitzt Nicolas jeden Freitagmittag zufrieden in der Runde und hofft, dass in diesem Herbst kein anderer Schüler seine Service-Learning-Stelle übernehmen wird.

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