Berlin : Der Kampf um die letzten Mauerstücke

Die Denkmalschutzbehörde will statt der ehemaligen Grenzanlage erst mal mehrere 20er-Jahre-Siedlungen von der Unesco schützen lassen

Till Schröder

„Je schneller, desto lieber“, sagt Jürgen Litfin. Er wünscht sich die Anerkennung der ehemaligen Grenzanlagen als Unesco-Weltkulturerbe. Jürgen Litfin ist der Bruder von Günter Litfin, dem ersten Mauertoten, und seit Anfang Juni hat er einen Nutzungsvertrag für den ehemaligen DDR-Wachturm an der Kieler Straße in Mitte. Dort richtet er mit privaten Geldern und der Unterstützung handwerkender Freunde die „Gedenkstätte Günter Litfin“ ein. Sie soll am 24. August eröffnet werden. Litfin erhält für seine Arbeit keine öffentlichen Gelder. Das wäre sicher anders, wenn die Mauerreste als Unesco-Weltkulturerbe anerkannt würden, sagt der Rentner. Dann würde man Leuten wie ihm unter die Arme greifen.

Wenn eine Objekt zum Weltkulturerbe erklört wird, muss der Staat es erhalten. Bisher stehen insgesamt 15 ehemalige Grenzanlagen aber lediglich unter Denkmalschutz. Hundertprozentige Sicherheit für den Bestand bedeutet das nicht. „Bei berechtigten Bauvorhaben kann der Denkmalschutz aufgehoben werden“, sagt Manfred Kühne, Leiter der Denkmalschutzbehörde. Aber das Land kümmert sich auch um die alten Grenzanlagen. Mauerradweg entlang der ehemaligen Grenze soll bald fertig sein. Und mit Landesmitteln will man auch die Mauerteile in der Niederkirchnerstraße zugänglicher machen. „Für weitere Sanierungen warten wir die Ergebnisse ab, die sich aus der Bestandsaufnahme durch den Cottbuser Professor Leo Schmidt ergeben“, sagt Kühne. Schmidt hatte die Debatte um den Unesco-Schutz für die Mauerreste angefangen. Der Idee steht Kühne aber skeptisch gegenüber. Die Stadt arbeite bereits daran, die 20er-Jahre-Siedlungen Falckenberg, Hufsteinsiedlung, Siemensstadt, Wohnstadt Carl-Legien und Weiße Stadt auf die Unesco-Liste zu bekommen. Da auch andere Bundesländer an Antragsverfahren arbeiten und die Unesco jährlich nur ein Objekt pro Industrieland anerkennt, ist die Konkurrenz also groß.

Die Deutsche Unesco-Kommission will sich zum Thema Berliner Mauer nicht offiziell äußern. Theoretisch könnten für die Grenzanlagen die gleichen Auswahlkriterien wie für die Unesco-geschützten Gedenkstätten Auschwitz und Hiroshima gelten: Diese Objekte sind verknüpft mit einem „Ereignis von außergewöhnlicher universeller Bedeutung“, heißt es in der Begründung.

Bis zum möglichen Unesco-Schutz werden wohl weiter Privatleute die letzten Mauerreste verteidigen. Zu ihnen gehört auch Erich Stahnke, der 1990 den Grenztruppen 120 Mauerteile vom Potsdamer Platz abkaufte. Die letzten 15 davon stehen auf einem Grundstück an der Ecke Stresemannstraße. Auch die sollen jetzt weg, der Bund will dort bauen. Wegen der Mauerreste hat Stahnke sich total verschuldet. „Prozesskosten“, sagt Stahnke. In einem „Rekrutierungsbüro“ sucht er jetzt „Legionäre“, die mit ihm das Gelände gegen die Räumung verteidigen.

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