Berlin : Der Kampf um türkische Wähler

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Von Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: Ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

Es gab fast nur ein Thema in den türkischen Zeitungen: Die Bundestagswahlen am 22. September. Dieses Thema verdrängte selbst die bevorstehenden Parlamentswahlen im November in der Türkei. Dabei überboten sich die Blätter gegenseitig mit ihren Geschichten, so dass ihre Berichterstattung überdimensioniert wirkte. Zum Beispiel machte ausgerechnet die rechts-nationale Tageszeitung Türkiye Claudia Roth zu einem ihrer Lieblingspolitiker. Oft genug hatte diese Zeitung die Partei-Chefin der Grünen angefeindet, weil sie sich für die Rechte der Kurden in der Türkei eingesetzt hatte. In der vergangenen Woche zeigte sie die Türkiye gleich zwei Mal lächelnd und mit der Türkiye in der Hand auf der Titelseite. „Sie hat während ihres Besuches unserer Redaktion Wasser auf die erhitzten Gemüter der Türken gesprüht“, berichtete das Blatt am Donnerstag. Nach einem Wahlsieg der rot-grünen-Koalition wolle sie sich für die doppelte Staatsbürgerschaft einsetzen. Der Aufmacher der Titelseite hatte jedoch als Überschrift ein Zitat der SPD-Bundestagsabgeordneten Uta Zapf, die Mitglied der Deutsch-Türkischen Parlamentariergruppe ist: „Deutschland versinkt ohne die Türken im Chaos.“ „Doppelte Staatsbürgerschaft für alle“, dies hatte schon SPD-Generalsekretär Franz Müntefering eine Tag zuvor versprochen.

Die Tageszeitung Milliyet berichtete am Freitag ganz groß auf ihrer Titelseite über 21 „Türken“, die bei der Bundestagswahl kandidieren werden –ungeachtet der Tatsache, dass sie deutsche Politiker sind. Die Hürriyet dagegen schlachtete weiter die Visa-Offensive des bayerischen Innenministers Günther Beckstein aus: „Der Kampf um die türkischen Stimmen verschärft sich“, titelte das Blatt am Dienstag, ebenfalls auf der Titelseite. Dazu zeigte das Blatt eine Aufnahme des CSU-Politikers. Beckstein hatte sich vor kurzem mit Hürriyet-Reportern getroffen und ihnen gesagt, dass er sich im Falle eines Wahlsieges seiner Partei für die Abschaffung der Visa-Pflicht für Türken einsetzen will. Hintergrund der Schlagzeile am Dienstag war jedoch die RTL-Sendung „Im Kreuzfeuer“ mit Innenminister Otto Schily zwei Tage zuvor. Schily hatte ihn in Sendung gefragt, wie er sein Vorhaben in der EU durchsetzen wolle. Beckstein hatte daraufhin noch einmal Visa-Freiheit für Türken verlangt.

Die Boulevardzeitung Hürriyet brachte in der vergangenen Woche täglich zwei Seiten zur „Wahl 2002 in Deutschland“ im Innenteil – geschmückt mit einer deutschen und türkischen Fahne. Doch auf diesen Seiten ging es nicht nur um Politiker. Am Mittwoch sprach die Hürriyet im n aller türkischstämmigen Wähler: „Wir fordern“, titelte das Blatt in großen Buchstaben quer über die beiden Wahl-Seiten. Darunter zählte das Blatt dann auf, was diese Wähler angeblich fordern: „Integrationsangebote, Arbeit, Sicherheit, Türkisch- und Religions-Unterricht, doppelte Staatsbürgerschaft und mehr Achtung.“ Dazu zeigte das Blatt eine große Aufnahme von der Schar der türkischen Fußballfans, die während der Fußball-Weltmeisterschaft das Sony-Center am Potsdamer Platz in ein Meer aus roten T-Shirts und türkischen Fahnen verwandelt hatten.

In Deutschland leben schätzungsweise 500000 türkischstämmige Wähler. Dieser „Masse“ der türkischen Wähler stehen jedoch mehr als 60 Millionen deutsche Wähler gegenüber. Das heißt, dass die Türkischstämmigen nicht einmal ein Prozent aller Wähler in Deutschland ausmachen. Indes: Auch diese Stimmen zählen.

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