Berlin : Der Kampf ums Atelier

-

Um 1900 gab es unter Berliner Künstlern eine beliebte Scherzfrage: „Wer hat das größte Kunstverständnis?“ – „Wer am schnellsten durch die Siegesallee läuft.“ Die von Wilhelm II. initiierte Skulpturenstraße durch den Tiergarten erfreute sich keineswegs ungeteilter Zustimmung. Im Jahr 1900, als die Stadtansicht „Berlin aus der Vogelschau“ entstand, war sie noch nicht ganz fertig, aber darum hat sich der Künstler nicht gekümmert. Schließlich ging es darum, den Zustand der Reichshauptstadt zur Jahrhundertwende festzuhalten, da durfte man schon mal etwas großzügig sein. Die Siegesallee schiebt sich unten rechts ins Bild, links daneben sieht man Siegessäule und BismarckDenkmal. Alle drei wurden 1938/39 im Rahmen der Speerschen Stadtplanungen umgesetzt. Links neben dem Brandenburger Tor steht die Stadtvilla von Max Liebermann mit gläsernen Atelieraufbau, um den der Maler lange hatte kämpfen müssen. Auch beim Berliner Dom jenseits des Lustgartens war der Zeichner großzügig: Erst 1905 wurde der Sakralbau fertiggestellt. Warum der Künstler aber die Türme der Friedrichswerderschen Kirche (zwischen Schlosskuppel und Hedwigskathedrale) zur Spree hin und nicht – wie Schinkel – nach Süden ausgerichtet hat, muss sein Geheimnis bleiben. Schräg rechts dahinter, durch andere Gebäude verdeckt, befindet sich die Jungfernbrücke. Über dem Bodemuseum (Bildmitte, linker Rand) ist der Rundbau des Zirkus Busch zu sehen, auch er hatte den Speer-Plänen zu weichen. Sechs Jahre später musste die Kaiserpassage bei einem Bombenangriff dran glauben. Man erkennt sie am lang gezogenen Glasdach im Dreieck Unter den Linden, Friedrich- und Behrenstraße. Das verschachtelte Dach rechts unten gehört zum Kaufhaus Wertheim. Jenseits der Leipziger Straße liegt der Ehrenhof des Preußischen Herrenhauses, heute Sitz des Bundesrats. ac

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben