Berlin : Der Keim-Killer

Krank werden im Krankenhaus? Das kann durch eine Infektion passieren. Vivantes-Kliniken setzen dagegen einen Hygieniker ein

Ingo Bach

Leute wie Klaus-Dieter Zastrow, oberster Hygieniker von Vivantes, galten zu früheren Zeiten als Störfaktor im Klinikbetrieb. So mancher Chefarzt brummte: „Ich bin Chirurg, ich muss operieren können. Hygiene interessiert mich nicht.“ Und die Ökonomen ließen ihre vermeintlichen Saubermänner wissen: „Hygiene – kostet bloß Geld und bringt wenig.“

Die Zeiten haben sich geändert. Zastrow, 56 Jahre alt, ein stämmiger Berliner mit grauem Haar und strengem Gesicht, kann inzwischen ein demonstratives Selbstbewusstsein zeigen. Er und seine Mitarbeiter ersparen nicht nur manchem Kranken eine langwierige und schmerzhafte, mitunter tödliche Infektion, sie sparen auch Kosten. Seit wenigen Jahren gelten in Deutschland Fallpauschalen, das heißt, die Klinik bekommt eine feste Summe pro behandelter Krankheit – egal, wie viele Tage der Patient bleibt. Je länger der das Klinikbett belegt, desto weniger verdient die Klinik an ihm. Das macht den Job des Hygienikers leichter. Jetzt sagen selbst Chefärzte mal: „Zastrow, komm vorbei und guck nach, wieso wir hier so oft eine Infektion haben.“

Auf den ersten Blick erscheint Zastrows Kampf paradox. Krank werden im Krankenhaus? Doch dieses Schicksal trifft jährlich hunderttausende Menschen. Von den rund 18 Millionen Patienten, die 2005 in deutschen Krankenhäusern behandelt wurden, erlitten bis zu sechs Prozent eine nosokomiale Infektion, das ist der Fachbegriff für die Ansteckung mit Klinik-Keimen. Das sind zum Beispiel Harnwegsinfektionen oder entzündete Operationswunden, Atemwegserkrankungen oder gar eine Sepsis, eine Blutvergiftung, die zu Nierenversagen und Tod führen kann.

Die Erreger schleppen andere Kranke ins Haus, aber auch Besucher und das Personal. Denn was für sie ungefährliche Mikroorganismen sind, kann für einen immungeschwächten Klinikpatienten zur tödlichen Gefahr werden.

Mit konsequenter Vorsorge ließen sich die Infektionszahlen um 30 Prozent verringern. „So ein Erfolg ist bei keiner anderen Infektionskrankheit zu erreichen“, sagt Zastrow.

In Zastrows Abteilung arbeiten 14 Leute daran: zwei Fachärztinnen für Hygiene, elf Fachschwestern, die für diese Arbeit eine einjährige Zusatzausbildung benötigen, und der Chef, der nur in besonderen Fällen direkt auf die Stationen geht. In den neun Vivantes-Kliniken haben sie gut zu tun. Regelmäßige Begehungen zum Beispiel. Zastrow legt eine Checkliste auf den Tisch, die die Hygieneschwestern abarbeiten: Sind die Händedesinfektions-Spender aufgefüllt? Trägt das Personal die Dienstkleidung? Sind die Infektions-Erfassungsbögen ausgefüllt? Auf letztere ist Zastrow besonders stolz: „Jede Klinikinfektion muss dokumentiert werden – und der ausgefüllte Meldebogen geht per Fax an uns.“ Wenn solche Fälle irgendwo gehäuft auftreten, kommt Zastrow unangemeldet auf die Station und sucht nach Gründen. Könnte ja sein, dass ein Pfleger beim Verbandswechsel regelmäßig etwas falsch macht und so Patienten infiziert. Etwa, weil er sich nicht jedes Mal, bevor er einen Patienten berührt, die Hände desinfiziert.

Die Hygienefachleute überwachen auch die Klimaanlagen in den Operationssälen. Die sind zwar wichtig, damit nicht etwa ein Schweißtropfen des Arztes, der sich gerade über den Patienten beugt, mit gefährlichen Bazillen in die Wunde tropft. Andererseits muss die kühle Luft keimarm sein. Während der Prüfung sind die OP-Säle gesperrt, weiteroperiert werden muss aber trotzdem. Also wird alles von langer Hand geplant.

Keiner murrt deswegen. Und wenn doch, würde Zastrow wohl diesen Satz sagen: „Hygiene ist Teil des ärztlichen Handelns – ohne Wenn und Aber.“ Das hat er durchgesetzt.

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