DER KERNIGE : DER KERNIGE

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„Ich sag’s mal so“, sagt Herbert Reinholz, „im Leben ist alles ein Geben und Nehmen.“ Er gibt den Schülern Fußbälle und Tischtennisschläger. Er schließt ihnen die Sporthalle auf. Dafür erwartet er, dass sie ihre Wut nicht an Stühlen und Tischen auslassen, nicht herumsauen und nett zu ihm sind. Herbert Reinholz, Tattoo, Ohrring, lebt und arbeitet seit 30 Jahren im Schöneberger Robert-Blum-Gymnasium. Er hat gelernt: Wenn die Schüler alles ordentlich vorfinden, dann behandeln sie es auch so. Deshalb belässt er es nicht beim großen Reinemachen und den groben Reparaturen, sondern dübelt diese Woche noch Regale an die Wand und richtet die Klassenschränke her.

Und doch wird ihn wie jedes Jahr nach den großen Ferien auch Montag früh wieder so ein mulmiges Gefühl überkommen, als hätte er was vergessen. Aber dann werden schon die neuen Siebtklässler in der Aula sitzen, und der Schulleiter wird eine lange Rede halten und er eine kurze. Er wird ihnen einen guten Start wünschen und der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass man gut miteinander auskommt. „Die Siebtklässler, ja, die sind schon schwierig“, sagt Herbert Reinholz und lässt eine kleine Pause, bevor er anfügt: „Pubertät“. Da müsse man schon „drauf hinwirken“, dass sich die Vernunft durchsetzt und auch mal streng sein, auch mal Grenzen setzen. Ich bin ja nur froh, sagt Herbert Reinholz, dass man hier – Kolonnenstraße, Rote Insel – im Arbeiterbezirk ist. Da nimmt einem keiner übel, wenn man mit den Kindern mal Klartext spricht – Reinholz sagt: „Deutsch spricht“ – da kommt nicht gleich der Akademiker-Vater, womöglich ein Anwalt, und droht: Wie sprechen Sie mit meinem Kind! Ab der achten Klasse wird sowieso alles besser, sagt Reinholz, da merkt man, dass sich bei vielen Schülern im Kopf ein Schalter umlegt. Und dann, spätestens dann macht es einen „Haufen Spaß“ mit ihnen zu arbeiten. Claudia Keller

Herbert Reinholz, 56, seit 30 Jahren am Robert-Blum-Gymnasium Schöneberg

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