Berlin : Der Kiez als Bühne

Angesagt ist der Helmholtzplatz schon lange. Nun dürfte ihn „Sommer vorm Balkon“ berühmt machen

Lars von Törne

Die Frau mit dem Schwein war schon länger nicht mehr hier. „Hoffentlich ist das Tier nicht als Festbraten geendet“, scherzt Jens Harder, ein Zeichner, der mit seiner Künstlergruppe eine alte Ladenwohnung zum Atelier umgebaut hat. Von dort haben sie einen guten Blick auf den Helmholtzplatz und die Menschen, die hier zum Inventar gehören. Die Frau, die ihr Hausschwein an der Leine spazieren führt, gehört dazu wie der dem Alkohol verfallene Ex-Künstler mit der Reibeisenstimme, den Harders Kollege Tim Dinter mal als „The Voice“ in einer Bildergeschichte verewigt hat. Oder der Mann, den sie den Flaschenangler nennen, weil er mit einem selbst gebauten Apparat regelmäßig die Glascontainer am Platz befischt. „Wenn uns mal nichts einfällt, gucken wir aus dem Fenster und bekommen neue Ideen“, sagt Jens Harder.

Der Helmholtzplatz bietet eine Bühne für fast jeden. Trinker und Künstler, Yuppies und Mütter, die mit Laptop und Handy im Park sitzen, Studenten, Nachtschwärmer, jugendliche Touristen, alteingesessene Berliner und vor allem zahllose junge Familien, derentwegen der Platz im Herzen von Prenzlauer Berg zum Synonym für Berlins neuen Babyboom wurde.

Schräg gegenüber vom Atelier Harders und seiner Kollegen steht ein Gebäude, das den Platz bald weit über Berlin bekannt machen dürfte. In dem inzwischen sanierten Haus Duncker- Ecke Raumerstraße hat Regisseur Andreas Dresen („Halbe Treppe“) vor anderthalb Jahren „Sommer vorm Balkon“ gedreht, morgen kommt der Film ins Kino. Das Eckhaus, damals noch unsaniert, steht stellvertretend für die Umbrüche, die das Viertel und seine Bewohner in den letzten Jahren erlebt haben.

„Das war früher eine richtige Oase hier“, sagt Hauswartin Karin Solarte, die vor elf Jahren aus Bayern herzog, mit Mann und Tochter in dem Eckhaus aus dem Film wohnt. Billige Mieten, Hausbesetzer, Kleinkunst, soziale Projekte – die Wende erreichte den Platz mit Verspätung. „Jeder kannte jeden, das Leben lief in Zeitlupe ab, man hatte Zeit füreinander, die Mieten in den unsanierten Häusern waren spottbillig.“ Karin Solarte und ihr aus Venezuela stammender Mann Howard schwärmen von Nächten im Park mit Musik, Kultur und Nachbarschaftsinitiativen. Zehn Jahre später sind fast alle Häuser saniert, von den alten Bewohnern sind die wenigsten geblieben.

Dafür kamen besser verdienende Mieter, Leute mit neuen Ideen und Trend- Scouts. „Gefühltes Entwicklungspotenzial“ heißt das Zauberwort, das seit Ende der 90er Jungunternehmer mit ihren Cafés, Restaurants, Bars und trendig-alternativen Läden herlockte. „Der Platz ist noch nicht so abgenutzt wie der Kollwitzplatz“, sagt Antje Woraschk, die hier vor anderthalb Jahren den Laden „tausche“ eröffnete, in dem sie Umhängetaschen mit auswechselbaren Mustern verkauft.

Ein Platz wie geschaffen für Neuanfänge. Bekanntester Vertreter des derzeit angesagten Helmholtzplatz-Gefühls ist Holger in’t Veld, der hier 2002 seinen „Schokoladen“ aufmachte und inzwischen um das Café „Kakao“ erweitert hat. „Der Platz bietet Raum für Phantasie“, sagt er bei einem Kaffee mit Blick auf die Liegewiese, auf der im Sommer die Menschen dicht an dicht liegen. Für in’t Veld vermittelt der Platz die perfekte Balance aus alternativem Lebensgefühl und geschäftlichem Potenzial, weit genug weg von etablierten Reiseführer-Tipps wie der Kastanienallee, aber trotzdem cool.

Eine Bühne war der Ende des 19. Jahrhunderts als „Schmuckplatz“ angelegte Ort schon immer, wenn auch oft für wenig glamouröse Auftritte. Mitte der 90er Jahre stufte ihn die Polizei als gefährlichen Ort ein, weil er zum Treffpunkt für aggressive Trinker und Drogendealer geworden war. Mit Umbauten, sozialen Initiativen wie dem kleinen Nachbarschaftshaus in der Platzmitte und städtischem Quartiersmanagement wurde der Ort saniert. Das führte immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen, die den Platz für sich beanspruchten, aber seit einigen Jahren hat man eine Balance gefunden, mit der fast alle zufrieden sind.

Die Alteingesessenen sind inzwischen nur noch eine Gruppe unter vielen. Das Ehepaar Steiner lebt seit mehr als 30 Jahren am Platz und hat bislang noch fast jede Veränderung als Bereicherung erlebt, wie beide sagen. Sie schwärmen von den Jugendclubs rund um den Platz und den Festen zum DDR-Kindertag, die jeden Sommer von den Anwohnern hier gefeiert wurden, erinnern sich aber auch begeistert an die Nachwendezeit der Hausbesetzungen und des Neuanfangs. „Jede Zeit hatte ihre guten Seiten“, sagt Ilona Steiner und schwärmt vom Miteinander unterschiedlichster Menschen und von den Straßencafés, die im Sommer übervoll sind. „Die Lebensqualität hat zugenommen, aber es ist auch anonymer geworden“, sagt ihr Mann Andreas.

Noch ist dem Helmholtzplatz das Schicksal anderer Trend-Orte erspart geblieben, Reisebusse sind ein seltener Anblick. „Er liegt abseits der Touristenströme, Motive und Klischees, die mit dem Prenzlauer Berg verbunden werden“, heißt es in einem Sammelband des Be.bra-Verlages über den Platz. Das dürfte sich ab morgen ändern.

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