Berlin : Der Klagewütige auf der Anklagebank

Der Immobilienhändler Gustav Sommer ist für Prozesse gegen Mieter bekannt Nun steht er selbst vor Gericht. Ihm werden Untreue und Konkursverschleppung vorgeworfen

Ralf Schönball

Um seine Aufgabe war der Staatsanwalt vor der 19. Großen Strafkammer nicht zu beneiden: Bei hochsommerlichen Temperaturen musste er in Saal 618 stundenlang die Anklageschrift gegen den 61-jährigen Immobilienhändler Gustav Sommer, dessen Frau Erika und dessen Sohn Michael vorlesen. Gustav Sommer werden unter anderem Bankrott und Untreue vorgeworfen. Dazu hatte der Ankläger 197 Fälle mutmaßlich veruntreuter Kautionen zusammengetragen, die er einschließlich der Namen von Betroffenen, Anschrift der Wohnungen und Höhe der Kautionen vorlesen musste.

Und dies ist nur ein Teil der gegen Sommer erhobenen Vorwürfe. Dieser soll außerdem Konkurse bei mehreren Firmen verschleppt und gegen seine kaufmännischen Pflichten verstoßen haben, unter anderem zur ordnungsgemäßen Buchführung. Der Angeklagte bestreitet dies und ließ von seinem Rechtsanwalt eine Erklärung verlesen. Diese gibt das Bild eines bis zuletzt gegen die Insolvenz ankämpfenden Grundeigentümers wieder, der die Kautionsforderungen seiner Mieter größtenteils mit eigenen Ansprüchen gegen diese verrechnen konnte.

Das will man auch im Berliner Mieterverein so nicht sehen: „Sommer ist uns seit den 80er Jahren bekannt als ruchloser Spekulant, der sich durch eine bemerkenswerte kriminelle Energie auszeichnet und berlinweit Mieter in finanzielle Not gebracht hat“, sagt Mietervereinschef Hartmann Vetter. Die Zahl der Zivilklagen, mit denen die Sommers und ihre Strohmänner Käufer und Mieter seiner Wohnungen überzogen haben sollen, ist Betroffenen zufolge kaum zu beziffern. Der Unternehmer ist für seine Klagewut bekannt. Mieter wurden nach dem Auszug auf angebliche Kosten für Schönheitsreparaturen vor den Kadi gezerrt, Käufer von Wohnungen wegen angeblich nicht bezahlter Gebühren und Wohngelder. Neu ist, dass Sommer selbst auf der Anklagebank sitzt – nicht wegen finanzieller Forderungen, sondern wegen mutmaßlicher Straftaten.

Die Veruntreuung der Kautionen sieht der Ankläger dadurch belegt, dass Sommer diese Gelder nicht wie üblich auf ein getrenntes, dafür eigens angelegtes und verzinsliches Konto überwies. Stattdessen sei das Geld auf Giro- und Geschäftskonten von Sommer und dessen Firmen eingezahlt worden. Dies habe zur Folge gehabt, dass nach den Insolvenzen von Sommers Firmen auch die Kautionen weg waren. Diese Gefahr wäre gering, wenn das Geld – wie in der Immobilienbranche sonst üblich – auf einem Konto des Mieters verwahrt und an den Vermieter verpfändet worden wäre. Sommers Anwalt bestreitet die Vorwürfe und sagt, dass Sommer bei einer Verrechnung seiner eigenen Ánsprüche mit den Mieterkautionen kaum nennenswerte Rückzahlungen schuldig geblieben wäre.

Nach Angaben der Ankläger bediente sich Sommer auch eines verzweigten Firmennetzes. Darin seien Immobilien verschoben worden, um auf diese Weise kurzfristig Liquidität zu beschaffen – so die Ankläger. Als die Firmen zahlungsunfähig wurden, sei dies nicht rechtzeitig gemeldet worden. Sommer bestreitet dies. Er habe Insolvenz erst dann angemeldet, als die Verhandlungen mit Banken endgültig gescheitert waren. Der angeblich verschleppte Konkurs beruhe darauf, dass seine früheren Immobilien zu niedrig bewertet worden seien.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar