Berlin : Der kleine Bruder lernt laufen - 8000 Teilnehmer am Sonntag am Start

Jörg Wenig

Es ist noch nicht lange her, da fragte sich Horst Milde: Wo bleiben denn bloß die Läufer? Die Zeiten haben sich geändert. Mittlerweile ist es fast so, dass sich der Organisator der größten deutschen Straßenläufe wundert, wo denn plötzlich die ganzen Läufer herkommen. Die Zahlen, die Horst Milde gestern bei der Pressekonferenz vor dem 20. Berliner Halbmarathon präsentierte, waren in der Tat erstaunlich: Wenn am Sonntag der Jubiläumslauf über die exakt 21,0975 Kilometer lange Strecke um 10 Uhr auf der Karl-Marx-Allee gestartet wird, dann beteiligen sich an der gesamten Veranstaltung voraussichtlich über 8000 Athleten.

Bis gestern lagen dem veranstaltenden SC Charlottenburg bereits 7415 Meldungen aus 41 Nationen für das Rennen vor, das vom Tagesspiegel präsentiert wird. Darunter sind 5219 Läufer, 1059 Inline-Skater, 19 Walker und sechs Rollstuhlfahrer, die die Halbmarathonstrecke absolvieren wollen. Hinzu kommen noch 1112 Schüler und Anfänger, für die parallel ein Lauf über vier Kilometer veranstaltet wird.

Die Meldezahl vom Montag stellt bereits einen Rekord für die Veranstaltung dar, die aus dem Ost-Berliner Friedenslauf und dem West-Berliner Halbmarathon des SCC hervorgegangen war. So viele Läufer wie 1990 - damals rannten 4999 Athleten durch das Brandenburger Tor - hatten die Organisatoren in der Nach-Wendezeit nie wieder. Stattdessen ging die Tendenz zunächst einmal deutlich nach unten. Sieben Jahre lang pendelten sich die Starterzahlen zwischen rund 2800 und 3500 ein, obwohl der SCC mit seinem Know-how als Veranstalter des Berlin-Marathons alles in Bewegung setzte, um die Entwicklung des Rennens voranzutreiben. Doch gemessen an den weltweiten Werbeaktionen - Ausschreibungsbögen für den Berliner Halbmarathon lagen sogar bei den entsprechenden Läufen in Tokio, Paris, London, Boston und New York aus - lief wenig in der deutschen Hauptstadt. Und niemand konnte so richtig erklären, warum das so war.

Nach einem deutlichen Aufwärtstrend im vergangenen Jahr, als gut 3800 Läufer gezählt wurden, hatten sich bis gestern bereits 58 Prozent mehr in die Starterlisten eingetragen als bis zum Renntag 1999. Zu recht spricht Horst Milde von einer "explosionsartigen Steigerung". "Wir sind glücklich, dass wir diese Teilnehmerzahlen erreicht haben." Eine Zunahme der Meldungen verzeichnen andere große deutsche Veranstalter auch, beispielsweise der Hamburg-Marathon am 16. April oder die 25 km von Berlin am 30. April. Das wiederum beweist, dass zu Recht von einem generellen Aufwärtstrend im deutschen Laufbereich gesprochen wird. Allerdings: Steigerungsraten wie in Berlin gab es bisher nicht.

Und damit es nicht bei einem Teilnehmerrekord bleibt, haben Milde und Co. die Vorjahressiegerin wieder verpflichtet. Joyce Chepchumba gewann damals in 1:10:26 Stunden bei windigem, kühlem Wetter. 22 Sekunden fehlten ihr nur zur Streckenbestzeit der Belgierin Marleen Renders, aufgestellt im Jahre 1998. Dass Chepchumba einen Kursrekord in den Beinen hat, weiß jeder, der sich im internationalen Laufbereich auskennt. Bei normalen Bedingungen sollte die Kenianerin, die in Detmold bei ihrem Manager Volker Wagner trainiert und dort unter anderen mit der Berlin-Marathon-Siegerin Tegla Loroupe zusammen läuft, eine Zeit von deutlich unter 70 Minuten erreichen können.

Auch bei den Männern ist der Vorjahressieger Benson Lokorwa aus Kenia dabei, allerdings dürfte für ihn und seine Konkurrenten die Kursbestzeit von 60:34 Minuten außer Reichweite sein. Diese Bestmarke hatte der Fürther Carsten Eich aufgestellt. Von den deutschen Teilnehmern werden Jens Karraß (1:03:39) und Romuald Krupanek (beide SCC/1:06:01) die besten Chancen auf eine vordere Platzierung eingeräumt.

Mit einem neuen Streckenrekord von unter 70 Minuten bei den Frauen würde sich der Berliner Halbmarathon auch im internationalen Vergleich etwas nach vorne schieben. Hier besteht, sowohl bei der Masse als auch der Klasse, für den mit Abstand größten deutschen Halbmarathon noch deutlicher Nachholbedarf. Das weiß auch Horst Milde, der sich deswegen von dem starken Aufwärtstrend nicht blenden lässt und eher nüchtern feststellt: "Der kleine Bruder des Berlin-Marathons entwickelt sich."

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