Der kleine Luka im Glück : Tagesspiegel-Leser spenden für Therapiehund

Der schwerbehinderte Luka hat nun einen Therapiehund – dank Spenden unserer Leser. Er heißt Ole und ist ein Labrador. Und was er nicht alles kann.

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Glücksmoment. Der schwerbehinderte Luka (5) hat dank des Engagements von Tagesspiegel-Lesern jetzt seinen eigenen ausgebildeten Therapiehund Ole (2) bekommen. Der Labrador/ Retriever-Mix lernt jetzt auch, dem Jungen Socken auszuziehen - und er bringt den Jungen dazu, sich zu äußern, aus sich heraus zu gehen. Auch die Ausbilderin Selina Haase und die Mutter von Luka Janina Wegner sind glücklich.
Glücksmoment. Der schwerbehinderte Luka (5) hat dank des Engagements von Tagesspiegel-Lesern jetzt seinen eigenen ausgebildeten...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die kleinen Finger fassen ins Fell, sie krallen sich fest, dann, ganz langsam, hebt sich der Oberkörper, ein paar Zentimeter, mehr geht noch nicht. Die Mutter hilft, Janina Wegner greift vorsichtig an den Oberkörper von Luka, sorgsam hebt sie ihn auf die Beine, die kleinen Finger halten sich noch stärker am Fell fest. Ole, der Labrador, oberschenkelgroß, bleibt stehen wie ein Denkmal. Dann beugt sich Luka zu Oles Kopf, er zupft an dessem linken Ohr, dann lacht er. Das glückliche Lachen eines Fünfjährigen.

Die Mutter ist überglücklich

Und daneben steht Janina Wegner und würde am liebsten heulen. Das ist es, dieses Bild hatte sie immer vor Augen, Luka hält sich am Hund fest, er spielt mit ihm, er lacht. Sie beobachtet Luka in ihrem Wohnzimmer, wo Spielzeug liegt, ein Hundekorb mit einer weichen Matte in der Ecke steht und Bilder des fröhlichen Luka an der Wand hängen. „Ich war so gespannt auf unser neues Leben“, sagt sie.

Seit wenigen Tagen hat sie es, ihr neues Leben. Das Leben mit Luka und Ole, das Leben mit dem Jungen, der schwerstbehindert ist, fast taub, fast blind, unfähig zu gehen, unfähig zu krabbeln, unfähig zu sitzen, als Zweijähriger schon an beiden Ohren operiert. Und mit Ole, dem Therapiehund, der Luka aus dessen verschlossenen Welt holt, in der er höchstens „Auto“ oder „Oma“ sagte. Ein paar Stunden zuvor ist Luka in dieser Wohnung in Charlottenburg auf Ole zugerollt, er hat ihm ins Ohr geflüstert und dann gejauchzt. „Er spricht die ganze Zeit mit Ole, das ist faszinierend“, sagt Janina Wegner. Ein Satz, in dem sich Rührung, Bewunderung und Dankbarkeit vermischen. Ein Satz, bei dem ihre Stimme zittert.

Luka spricht jetzt: "Nimm!"

Ole ist das Geschenk von vielen Spendern. Im Mai hatte der „Tagesspiegel“ über Lukas Schicksal berichtet, über die Freude, die Luka zeigte, als er bei einer Logopädin, die mit Therapiehunden arbeitet, auf die Tiere traf. Wie er plötzlich „Komm“ und „Wau“ und „Nimm“ sagte. Wie er seine inneren Mauern durchbrach. Wie ein solcher Hund dauerhaft Luka helfen und seine am Rande der Überforderung stehende Mutter entlasten könnte. Doch die Ausbildung eines Therapiehundes kostet 25 000 Euro, zu viel für eine alleinerziehende junge Frau. Deshalb stand die Nummer eines Spendenkontos im Text.

Was dann auf dieses Konto floß, machte Thomas Gross sprachlos. „So etwas“, sagt Gross, Vorstandsmitglied des Vereins „Rehahunde Deutschland“, bei dem Ole ausgebildet wurde, „haben wir noch nie erlebt.“ In kurzer Zeit kamen insgesamt 25 000 Euro zusammen, durch Privatpersonen, durch Stiftungen. Und dazu noch diese emotionale Zuwendung.

Janina Wegner hat Tränen in den Augen, als sie von einer dieser Spender erzählt, die Frau hatte ihr eine Postkarte mit persönlicher Widmung geschrieben und alles Gute gewünscht. Nur ein Beispiel von vielen Zeichen enormer Hilfsbereitschaft. „Ich bin den Lesern des Tagesspiegel, die gespendet oder auch sonst geholfen haben, zutiefst dankbar“, sagt sie.

Das Tier kann sogar Strümpfe anziehen

Das „Glück auf vier Pfoten“, Ole, ist nicht zufällig ausgewählt, Luka hat ihn im Winter kennengelernt, als Janina Wegner ein paar Tage bei Thomas Gross in Rostock war. Ole lehnte sofort seinen Kopf an Luka, damit war klar. Wenn ein Hund, dann dieser Labrador. Jetzt übt Ole, wie er Luka Strümpfe anzieht und morgens die Decke vom Körper zieht, immer beobachtet von Selina Haase.

Für Ole ist sie noch immer sein Frauchen, Selina Haase hat ihn bisher betreut; für Janina Wegner ist sie die Trainerin. Die 25-Jährige gibt Antworten auf viele Fragen. Wie geht man mit Ole um? Wann muss er zum Tierarzt? Wie viel Auslauf braucht er? Wann benötigt er Ruhe? Wie übersetzt man seine Gesten? „Das ist für alle Hard-Core-Arbeit“, sagt sie. Morgens um acht Uhr beginnen sie mit dem Unterricht. Luka ist in der Kita, die Ergotherapeutin, die selber zwei Labradore besitzt, und die junge Mutter lernen zusammen. Eine Woche lang, dann gibt Selina Haase Tipps höchstens noch am Telefon. Nach sechs Monaten überprüft sie, ob es dem Hund gut geht. Wenn nicht, nimmt sie ihn mit.

Das ist Theorie. In der Praxis besteht zwischen Luka, Janina Wegner und Ole schon jetzt eine tiefe Verbundenheit. Früher wachte Luka auf und blieb noch eine Zeitlang eher teilnahmslos im Bett liegen. „Jetzt schaut er sofort, wo Ole ist“, sagt die Mutter. Wenn Ole döst, dann legt Luka eine Faust unters Kinn, drückt sein Gesicht darauf, blickt erst zu Ole und dann zu seiner Mutter. Die versteht die Botschaft: „Er sagt: ,Ole schläft.’“

Aber im Moment liegt Ole auf dem Bauch, Luka liegt daneben, den Kopf an Oles Körper geschmiegt und er spielt selbstvergessen mit einem Baustein. Ein Bild fröhlicher Unschuld . ein Bild, das auch viele Leser bewegte.

Eine Trainerin weist ein

Es gibt es aber auch die Bilder, auf denen Luka in seiner ganz eigenen Sprache Kontakt mit Ole aufnimmt. Dann dringen Töne durchs Zimmer, fröhlich, helle Töne, es ist genau die Kommunikation, die Trainerin und Mutter wollen. Es geht nicht um klare Worte, es geht um sprachliche Beziehung. „Wir wollen bei Luka die Sprache und die Motorik fördern“, sagt Selina Haase. Deshalb gibt Luka Ole auch immer wieder Leckerli. Er streckt den Arm aus, hält einen Löffel, und Ole schlabbert einen Keks weg. Noch hebt Janina Wegner den Löffel hoch, Luka hält ihn nur, aber irgendwann soll er ihn selbst führen. Luka führt Ole auch an der Leine. Eine spezielle, dünne Leine, ideal zu halten für den Fünfjährigen. Mit Ole an der Leine gehen sie dann raus. Luka hält die Leine fünf Minuten, mehr schafft er noch nicht. „Aber er ist dann immer glücklich“, sagt Janina Wegner. Das große Ziel ist eine Stunde. Und dann soll Ole dem Fünfjährigen auch mal den Ball bringen. Und Luka soll danach greifen.

Ole darf natürlich auch ganz Hund sein, ohne Leine, er darf andere Hunde beschnüffeln, er darf durch den Wald toben, es ist seine wohlverdiente Freizeit. „Man darf ja nie vergessen, dass es für Ole Arbeit ist, was er alles mit Luka macht“, sagt Selina Haase. Und manchmal ist diese Arbeit sogar für einen gutmütigen Labrador wie Ole irritierend.

Der behinderte Junge jauchzt

Einmal hat Luka mit seinem Kamm Ole am Kopf gekämmt. Da blickte der Labrador zu Selina Haase. Die war plötzlich wieder die wichtigste Bezugsperson. „Das war das Zeichen: Frauchen, was passiert hier? Muss ich das ertragen?“, sagt die Trainerin. Musste er nicht.

Eine absolute Ausnahme. Es sind andere Bilder, die das Verhältnis prägen. Bilder wie jetzt im Wohnzimmer. Luka liegt auf dem Boden, krault Ole unterm Maul, Ole legt sich auf den Rücken, die Beine angewinkelt. Dann dreht er sich zu Luka und schlabbbert ihn am Ohr. Es kitzelt. Und Luka jauchzt.

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