Berlin : Der kleine Norbert fühlt sich berühmt

Der Siebenjährige ist wieder zu Hause und wirkt fröhlich wie immer. Aber über den Freund, der ihn beherbergte, sagt er nur wenig

Stephan Wiehler

Er ist wieder zu Hause, der kleine Norbert Fromm. So als sei nichts gewesen sitzt der Siebenjährige mit dem blonden Lockenschopf neben seiner Mutter auf dem Sofa. Und doch ist alles ganz anders, seit der Junge wieder da ist, nach zwei Nächten banger Sorge um den Vermissten. Ein Fernsehteam befragt Mutter und Sohn. Norbert genießt die Aufmerksamkeit. „In der Schule haben mich heute alle ausgefragt“, erzählt der Siebenjährige. Tatjana Fromm steht die Fassungslosigkeit immer noch ins Gesicht geschrieben. Sie kämpft mit den Tränen.

„Ich wäre vom Balkon gesprungen, wenn dem Jungen etwas passiert wäre“, sagt sie. Doch was tatsächlich geschehen ist, was Norbert erlebte mit seinem Freund Sven, den er „Bruder“ nennt, davon will der Junge auffällig wenig erzählen. Dabei ist das Kind ansonsten „sehr aufgeweckt“, sagt Tatjana Fromm. „Norbert ist sehr selbstständig. Er geht schon im zweiten Jahr allein zur Schule.“ Die 39-jährige Krankenschwester, die in Moskau geboren wurde und 1991 nach Berlin übersiedelte, will sich nicht vorwerfen lassen, sie habe ihre Fürsorgepflicht verletzt und sei durch Fahrlässigkeit mitschuldig am Verschwinden ihres Kindes. Hilfe brauche sie keine. Im Zimmer nebenan liegt ihr pflegebedürftiger Mann, der bettlägrig ist.

Norbert trägt noch keine Uhr, er könnte sie auch noch nicht lesen. Dennoch musste der Siebenjährige bisher erst um 20.30 Uhr zu Hause sein. „Ich weiß, wann das ist“, sagt Norbert. „Wenn die Geschäfte zumachen.“ Am Montag allerdings kam er nicht. Er war mit der S-Bahn zum Alexanderplatz gefahren, um im Kaufhof am Computer zu spielen. Dort traf er seinen Freund Sven, der ihn einlud, bei ihm zu übernachten. Schon öfter hatte der 17-Jährige Kinder zu sich nach Hause, in ein betreutes Wohnprojekt in Mitte, eingeladen – vergeblich. Sven versprach, Norberts Mutter um Erlaubnis zu fragen, doch das tat er nicht. Und er köderte den Jungen mit einer Lüge. „Er hat Norbert erzählt, ich hätte ihm ein Kinderzimmer eingerichtet“, sagt seine Mutter. „Das wünscht er sich schon lange.“ Zwei Tage blieb Norbert vermisst, erst am Mittwoch schöpfte ein Betreuer Verdacht und alarmierte die Polizei.

Was genau Norbert bei seinem Freund erlebte, darüber rätselt die Polizei noch. Norbert wird seltsam schweigsam, wenn er gefragt wird. Seine Freunde Adnan und Denis sind zu Besuch gekommen. Die beiden Elfjährigen wohnen im selben Haus am Hansaplatz in Tiergarten. Beide erzählen, dass sie spätestens um 16.30 Uhr zu Hause sein müssen. Norbert lächelt. Sie treffen sich häufig nach der Schule, der Siebenjährige hat fast nur ältere Freunde. Bereitwillig gibt Norbert Auskunft über seinen Freund. „Sven ist ein Untoter“, sagt er. „Er sagt, er ist von den Toten aufgestanden. Und er hat Waffen. Zwei Desperados und ein G 4.“ Norbert erzählt von den Computerspielen, die sie zusammen gespielt haben. Auch an das Knuspermüsli, das er bei Sven zum Frühstück bekommen hat, erinnert er sich. Aber was sie ansonsten unternommen haben, daran erinnert sich Norbert nicht – oder will sich nicht erinnern. „Alles Mögliche“, sagt er nur und wird still. „Vielleicht hat Norbert Sven versprechen müssen, nichts zu sagen“, vermutet Adnan. Norbert schweigt.

„Ich habe das Vertrauen verloren“, sagt Norberts Mutter. In Zukunft wolle sie ihn abholen, wenn er abends am Alex am Computer spielt. Auch Sven könne mitkommen. Bisher hat sie den Jungen, der ihren Sohn zwei Nächte lang beherbergte, nicht kennen gelernt. Dann begleitet Norbert seine Freunde zum Fußballspielen. Am Postamt vor dem Haus hängt noch der Suchaufruf mit Norberts Foto. „Ich bin jetzt berühmt“, verkündet der Siebenjährige und lächelt stolz.

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