Berlin : Der kleine Unterschied: Frauen wählen linker

Stephan Wiehler

Der kleine Unterschied, der das Verhältnis der Geschlechter ebenso prickelnd wie problematisch macht, hat sich am Wahlsonntag auch im Abstimmungsverhalten gezeigt. Die Untersuchung der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen belegt: Berlins Frauen haben linker gewählt als die Männer.

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Im Ostteil der Stadt haben sich Frauen mit 50 Prozent deutlicher für die PDS ausgesprochen als die Männer, von denen nur 45 Prozent sozialistisch gestimmt haben. Die SPD erhielt in beiden Teilen der Stadt mehr Stimmen von Frauen als von Männern. "Besonders jüngere Frauen im Osten gaben der PDS deutlich mehr Stimmen als Männer gleichen Alters", erklärt Dieter Roth von der Forschungsgruppe Wahlen. In der Gruppe der unter 30-Jährigen kam die PDS bei Frauen auf 47 Prozent gegenüber 39 Prozent bei den Männern. Deutlicher noch fiel das Ergebnis bei den 30- bis 45-Jährigen aus: Hier wählten 52 Prozent der Frauen und 43 Prozent der Männer die PDS. "Auf überdurchschnittliche Werte kam die PDS bei Frauen unter 35 Jahren, also in einer Altersgruppe, die sehr stark mit Kindererziehung und Familie beschäftigt ist." Da viele dieser Frauen zudem berufstätig sind, nennt Roth die PDS-Forderung nach mehr Einrichtungen zur ganztägigen Kinderbetreuung als einen möglichen Grund für den hohen Zuspruch zur SED-Nachfolgepartei.

Ohnehin setzten Frauen andere politische Prioritäten als Männer. Die Themen Familie, Kinder und Jugend bewerteten Frauen "doppelt so hoch" wie Männer, so Roth. Das Politikfeld Bildung und Schule wird von 22 Prozent der Frauen als "sehr wichtig" eingestuft, von allen Befragten meinen das nur 11 Prozent. Innere Sicherheit halten dagegen nur 16 Prozent der Frauen - gegenüber 26 Prozent aller Befragten - für bedeutend.

Doch auch die nach den Terrorschlägen in den USA gewachsene Sorge um die politische Weltlage könnte nach Ansicht des Wahlforschers viele Frauen im Osten dazu bewogen haben, die PDS zu wählen, die sich als einzige Partei eindeutig gegen Militäraktionen ausgesprochen hatte. "Bei Frauen gibt es eine deutlich größere Furcht vor Kriegsgefahr als bei Männern", erklärt Roth. "Wir haben nach dem 11. September gefragt, ob die Menschen eine Bedrohung des Friedens auch in Europa befürchten. Ein Drittel der männlichen Befragten hat diese Furcht, bei den Frauen sind es zwei Drittel."

Im Westen gewannen Gysis Genossen allerdings mehr Zustimmung unter Männern (acht Prozent) als unter Frauen (sechs Prozent). Dagegen gewannen die Sozialdemokraten in ganz Berlin mehr weibliche als männliche Stimmen: Im Osten wählten 24 Prozent der Frauen die SPD (Männer: 22 Prozent), im Westen 35 Prozent (Männer: 32 Prozent). Ist Gregor Gysi also eher der Ost-Frauentyp, während Westfrauen dem Charme Klaus Wowereits erlagen? Dieter Roth will nicht spekulieren, ob und in welchem Maß die Attraktivität der Spitzenkandidaten das weibliche Wahlverhalten geleitet hat. Doch er meint: "Wowereit kommt an bei den Frauen, vielleicht auch, weil sie wissen, dass er ihnen nicht gefährlich wird."

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