Berlin : Der Klügere kippt nach

Kulturell wertvoll trinken: In der Markthalle 9 in Kreuzberg hat das „Chez Icke“ aufgemacht. Es ist Theater und Kneipe zugleich.

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Zu Hause am Tresen. Das Hebbel am Ufer hat in der Markthalle 9 zwischen Eisenbahn- und Pückler Straße die Theaterbar „Chez Icke“ aufgemacht, in der sich das Publikum munter mit Schauspielern mischt. Profis wie Anne Ratte-Polle (vorne links), Gesine Danckwart (vorne rechts) und Patrick Wengenroth (hinten Mitte) sind dabei. Foto: Marcus Lieberenz/Bildbuehne
Zu Hause am Tresen. Das Hebbel am Ufer hat in der Markthalle 9 zwischen Eisenbahn- und Pückler Straße die Theaterbar „Chez Icke“...

Wirtschaft – allein das Wort lässt einen ja heute schaudern. Drohender Staatsbankrott und Währungsschmelze werfen Schatten, und der Retter namens Bond, Euro-Bond, ist nicht in Sicht. Wird höchste Zeit, sich auf die Wirtschaft mit Wohlklang zurückzubesinnen. Auf jene Schank- und Wärmestube, in der man nichts zu fürchten hat, außer die Sperrstunde. Zum Glück hat die Berliner Dramatikerin Gesine Danckwart begriffen, wonach uns dürstet. Sie nimmt im Auftrag des Hebbel am Ufer den Sehnsuchtsgeist der Gegenwart auf und eröffnet eine theatrale Bar, in der Jung und nicht mehr ganz Jung sich zum Textehören und Biertrinken begegnen. Getauft: „Chez Icke“. Hat man da nicht gleich einen ganzen Schellack-Schatz an Urberliner Frivolitäten-Songs im Ohr und den Geschmack von Hochprozentigem im Mund? Es kommt aber noch besser. Und moderner. In dieser Kneipe wird der Konsum zur Kunst. Und der Gast Teil einer weltweiten Tresengemeinschaft.

In der Markthalle 9 in Kreuzberg, die früher mal Eisenbahn-Markthalle hieß, steht ein pinkfarbener Kasten mit „Chez Icke“-Schild. Platziert zwischen der Marktküche, wo „Arme Seemannssuppe“ verkauft wird, und der Linie 36, einer heimeligen Tränke mit halber Tram an der Wand. Performer Patrick Wengenroth – den kennt man als Kopf des genialischen „Planet Porno“-Theaterformats – stimmt Donnerstagabend zum Auftakt an der Gitarre das Hohelied auf Promille und Projektschöpferin an: „Gesine, die kann jede Menge vertragen, ich trinke nur Bier, wegen meinem Magen.“ Die so gepriesene Dramatikerin steigt mit einem schönen kleinen Monolog ein, der zwischen Nostalgie und Gegenwartsspott die selig vertrunkene Jugend beschwört, als die Hostels noch Jugendherbergen hießen und das Lieblingslokal Identität und Heimat zu stiften vermochte. Dahin soll das „Chez Icke“ zurückführen. Es ist ein Utopia mit Ausschank, der vertraute Ort, an dem noch niemand war.

Der im trashigen Retro-Chic tapezierte Kasten wird aufgeklappt, und die Bar darin eröffnet. Schauspielerin Anne von Keller gibt die Tresenkraft, die den gebührenden Respekt vor ihrer Profession einfordert, Kollegin Anne Ratte-Polle schneit als Gast herein und lotet den Service aus: „Erdnüsse habt ihr wohl nicht, aber kann ich wenigstens was trinken?“

Es sind munter mäandernde Texte, assoziative Skizzen aus dem Transitleben der Großstadt zwischen Hetzen und Verweilen, die Gesine Danckwart geschrieben hat. Sie versteht sich bestens auf diesen unprätentiös-pointierten Ton des Dahinphilosophierens: „Und dann sitzt man also hier und da und im besten Fall kommt man immer einigermaßen selbst mit, während man unterwegs ist.“ Jeden Abend variieren die Passagen und die Gäste. Die Musikerin Christiane Rösinger kommt (8.12.), ebenso Sänger Jan Plewka (ab 15.12.) oder Schauspielerin Judith Rosmair (9. und 10.12.). Danckwarts Kunst-Kneipe ist dabei ein zutiefst demokratischer Ort. Die Grenze zwischen Spielern und Publikum wird aufgehoben, man mischt sich vor der Bar, dieser großen Gleichmacherin. Nicht mal Eintritt kostet das Ganze, bloß drei Euro Aufschlag fürs erste Getränk. Das Prinzip: kulturell begleitetes Trinken – nicht mehr, nicht weniger.

Man muss nicht mal hingehen, um mittendrin zu sein. Danckwarts „Wirtsfactory“ ist vernetzt, ein Lokal global, ganz auf der Höhe der Zeit. Per Livestream kann man das „Chez Icke“-Treiben noch in Sao Paulo oder Ulan Bator verfolgen. Christiane Hütter und Sebastian Quack moderieren als „Icke“ und „Übericke“ den Chatroom, wo sich am ersten Abend User wie „Schnapsi“ oder „Portweinnase“ tummelten. Außerdem sind – schöne Idee – „Barvatare“ mit der Kamera unterwegs, die sich vom heimischen Rechner aus durchs Gewühl dirigieren lassen. Die nehmen auch Flirtaufträge an, ohne Erfolgsgarantie freilich. Und vor Ort bloggt Nachtlebenreporterin Jackie A, mitzulesen auf einem Videoscreen über dem Tresen: „Ungezwungene Kontaktaufnahme unter Enddreißigern. Dazu Wollmützen, fragende Blicke.“ An der Wand schließlich prangt der ultimative Rat gegen die Krise: „Der Klügere kippt nach.“

Markthalle 9, Eingang Pücklerstraße 34, Kreuzberg, bis 30. 12., Do-Sa ab 20 Uhr, www.chez-icke.com

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