Berlin : Der Knall aus der Tiefe

Eine schwere Gasexplosion erschütterte Spandau und Charlottenburg. Vor einer Woche hatte es am selben Speicher schon eine Verpuffung gegeben

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Die Detonation, die am Morgen Spandau und Charlottenburg erschütterte, kam aus der Tiefe: Aus einem großen unterirdischen Speicher strömendes Gas war an einer Messsonde am Brandensteinweg in Spandau explodiert, eine 30 Meter hohe Stichflamme schoss in den Himmel. Drei Spezialisten einer Gasfirma wurden mit schwersten Verbrennungen in das Unfallkrankenhaus Marzahn geflogen. Bei zwei der Opfer stellten die Ärzte Verbrennungen der Haut von über 30 Prozent fest. Sie wurden umgehend notoperiert. „Die Patienten werden beatmet und schweben in Lebensgefahr“, sagte Krankenhaussprecherin Sina Vogt am Abend. Ein Busfahrer , der in der Nähe unterwegs war, erlitt einen Schock, fünf Anwohner kamen mit Rauchvergiftungen ins Krankenhaus.

Bis kurz vor 22 Uhr dauerte es, bis mehr als 200 FeuerwehrLeute, dazu Mitarbeiter der Gasag und des Technischen Hilfswerks, das Leck abdichten konnten. Das Feuer war gelöscht, die Explosionsgefahr gebannt.

„Das ist einer der schwierigsten Einsätze meines Lebens“, sagte Feuerwehrchef Albrecht Broemme am Nachmittag. Die Schieber, die das Leck in der Rohrleitung automatisch hätten abschließen müssen, taten dies nicht. Experten hatten ein solches Szenario bislang ausgeschlossen.

Retter evakuierten etwa 70 Häuser in der Umgebung, die Bewohner der Halbinsel Steffenhorn wurden in ein nahe gelegenes Seniorenheim gebracht. Erst ab 19 Uhr durften die Menschen in ihre Häuser zurück. „Der Schreck war riesig“, sagt Steffen Clemens, ein Mitarbeiter des Bootshauses der Technischen Universität am Stößensee nahe der Unglücksstelle, „der Knall und die Druckwelle waren so stark, dass ich dachte, da ist ein Flugzeug abgestürzt.“ „Das Geräusch des ausströmenden Gases – es war wie der Lärm eines riesengroßen Düsentriebwerkes“, erzählte Hans Grübnau. Am Unglücksort sperrten 300 Polizisten die Umgebung mehrere hundert Meter weit ab, auch der Überflug wurde untersagt. Die Heerstraße wurde gesperrt, in Spandau brach den ganzen Tag lang der Verkehr zusammen. Weil auch am Nachmittag noch Explosionsgefahr bestand, wurden zusätzliche Spezialisten angefordert.

Gestern wurde auch ein weiterer Vorfall bekannt: In der vergangenen Woche gab es an der gleichen Stelle bei Reinigungsarbeiten schon einmal eine Verpuffung. Feuerwehrchef Broemme bestätigte, dass zwar die Feuerwehr alarmiert worden sei, aber nicht tätig werden musste: „Es hat kurz gerummst, verletzt wurde dabei niemand.“ Nicht einmal die Polizei sei von der Gasag über diesen Vorfall informiert worden. Gasag-Sprecher Haschker bestätigte diese Tagesspiegel-Information. Diese Verpuffung habe mit der gestrigen nichts zu tun, hieß es.

Der 1992 in Betrieb genommene Erdgasspeicher in 800 Metern Tiefe fasst rund 700 Millionen Kubikmeter Gas – genug, um Berlin ein Jahr lang zu versorgen. Die Erdgasversorgung der Stadt ist aber nicht gefährdet.

Der gesamte Speicher mit der gewaltigen Menge Gas könne nicht explodieren, beruhigte Broemme. Wie es gestern hieß, sei die Gefahr an der Füllzentrale des Speichers an der Glockenturmstraße – mitten im Charlottenburger Wohngebiet – viel größer als in jenem Waldstück, in dem es gestern knallte. Hier werden große Mengen verfüllt, dort endet nur eine Mess-Sonde.

Die frühere Gesundheitssenatorin Ingrid Stahmer (SPD) war Zeugin des Unfalls. Sie wohnt Am Rupenhorn und telefonierte, als der Knall ihr durch Mark und Bein ging und die Wände wackelten. An einen Umzug denkt sie nicht. „Aber es ist schon ein ungutes Gefühl, auf so einer voll gefüllten Erdgasblase zu sitzen“, sagte Stahmer. Ha, tabu, weso

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