Berlin : Der Korken wankt

Wochenende des deutschen Weins: Top-Winzer auf der Messe „Gutswein 2004“

Bernd Matthies

Für einen Weingutsbesitzer von der Nahe ist es eher ungewöhnlich, wenn er sich in Berlin zu Hause fühlt. Michael Prinz zu Salm-Salm tut es, denn der von ihm geleitete Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) war der erste Bundesverband überhaupt, der sich 1989 in die werdende Hauptstadt orientierte, und die Stadt hat es ihm gelohnt: Die „Gutswein“ am ersten September-Wochenende ist zum wichtigsten Schaufenster der deutschen Top-Winzer geworden. Und auf diesem Weg hat der Verband überdies Anschluss an die Welt gefunden; pünktlich veröffentlichte das „Wall Street Journal“ jetzt eine ganzseitige Lobeshymne auf die neuen deutschen Weine, und die weltbekannten Autoren Michael Broadbent und Jancis Robinson ließen sich gern einladen zum Präsidentendinner im Brandenburger Hof.

Der umstrittene Jahrgang 2003, das wurde an diesem Wochenende im Daimler-Benz-Forum am Potsdamer Platz klar, hat das Können der Winzer bei den Weißweinen sehr gefordert. Doch den Spitzenbetrieben ist es durchweg gelungen, Frucht und feine Säure trotz der Rekordsonneneinstrahlung zu erhalten – der Alkohol macht viele Weine allerdings äußerst üppig. Platzvorteil für die Winzer an Mosel und Saar, deren Reben nur in besten Jahren ihr ganzes Potenzial zeigen, musterhaft zu kosten bei Hans-Joachim Zilliken aus Saarburg. Doch auch die Winzer heißerer Anbaugebiete haben Überraschungen zu bieten, etwa Alexander Michalsky (St.Antony, Rheinhessen), dessen Reben im Niersteiner Oelberg regelrecht ausgetrocknet sind und deshalb nicht überdimensional viel Zucker anreichern konnten – das Ergebnis ist nahezu perfekt und schon zur Vorstellung in Berlin ausverkauft... Feinstschliff und mineralische Tiefe zeigen auch die nicht zu ausladenden Rheingau-Rieslinge von Andreas Spreitzer.

Die Schwarzfäule, die viele Winzer vor allem an der Mosel in den letzten Wochen erschreckt hat, scheint die VDP-Betriebe dagegen ausnahmslos verschont zu haben. „Keine Meldungen von unseren Mitgliedern“, sagt der Präsident zufrieden. Ein heißeres Thema ist dagegen der Abschied vom Kork. Andreas Stigler vom Kaiserstuhl ist vorgeprescht, hat sich für Edelstahl-Kronkorken plus Kunststoffkapsel entschieden – und ist zufrieden über gleichmäßige Qualität und hohe Frische seiner Weine. Die Diskussion läuft auf Hochtouren. Im nächsten Jahr werden auf der Gutswein garantiert wieder ein paar Korken weniger ploppen.

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