Berlin : Der Kreuzberg ruft

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Von Ulrike Heitmüller

Schöneberg. „Wenn man die Schweiz bügeln würde, dann würde sie bis nach Graz reichen. Ihre Oberfläche ist ja sehr groß, wegen der Berge“, sagt die Musikerin Ma-Lou Bangerter. Die Schweizerin wirkt allerdings nicht so, als ob sie alle Höhen und Tiefen gerne plätten würde. Sie liebt das Archaische und hat sich deshalb dem Alphorn verschrieben. Geübt wird mit dem 3 Meter 40 langen Instrument in der Schöneberger Wohnung: „Ich habe tolerante Nachbarn“, sagt sie, „außerdem spiele ich tagsüber, wenn andere Leute arbeiten.“

1997 gründete Bangerter mit Matthias Gassert das Duo „Heitere Fahne“. Gassert spielt Alphorn und Schlaginstrumente. Seit 1987 ist er freischaffender Musiker. Ma-Lou Bangerter hat eine klassische Violinausbildung absolviert. Sie lebt davon, Geige zu lehren. Ihre Alphorn-Auftritte sind den Konzertbesuchern zwar meist unvergesslich, aber zu selten. Gestern trat das Duo in der Dorfkirche im brandenburgischen Lünow auf, im vergangenen Sommer und Herbst in einem noch unbenutzten U-Bahn-Tunnel am Potsdamer Platz. Fehlt nur noch der Kreuzberg als Auftrittsort. Mit etwas Glück lässt die „Heitere Fahne“ ihre Töne wieder am 15. Juni flattern, wenn die BVG die Schließung des S-Bahn-Ringes in Schöneberg feiert.

Seit einigen Monaten hat sich die „Heitere Fahne“ mit dem Vokaltrio „Transalpin“ verbunden. Ihre Musik wirkt magisch. Die Klänge und Gesänge kommen mal sphärisch daher, dann wieder stürmisch und derb. Jodler tauchen in persischen und türkischen Sufi-Liedern auf, das Alphorngebläse mündet ein in einen bulgarischen Kanon. Musik mit Nebenwirkungen.

Die Lieder handeln von der Liebe. Natürlich. „Im Gegensatz zu Deutschen Volksliedern, die ja alle vom Tod handeln“, sagt einer der Vokalisten und grinst. Die Musiker führen manche Stücke originalgetreu auf, gelegentlich lassen sie sich auch zu wilden Improvisationen hinreißen. Ihr aktuelles Programm nennen die fünf Künstler „leittöne“. Auf dem Programmzettel erklären die Musiker, weshalb sie diesen n gewählt haben: „Anders als in ,Leitkultur’ bezeichnet das Verb in ,Leitton’ nicht die Beanspruchung der Führung eines Tones über andere, sondern das Überleiten von einem Ton zum nächsten.“ Die fünf Künstler betonen das Miteinander der Kulturen. „Wir singen Lieder aus unterschiedlichen Kulturen synchron, nicht hintereinander, sondern ineinander verflochten. Die politische Haltung ist uns sehr wichtig“, sagt die „Transalpinistin“ Ingrid Hammer. Die Musiker selbst stammen auch aus ganz unterschiedlichen Gegenden und Ländern: „Heitere Fahne“ aus der Schweiz und Thüringen, und Ingrid Hammer aus Österreich, Sigurd Bemme aus Hannover und Kim Kaveller aus der Türkei. Neben Alphörnern und Trommeln bringen sie weitere schweizerisch-archaische Instrumente zum Klingen: Bäsne, Peitsche und Talerschwingen. „Das Alphorn ist ein Ur-Handy. Es wurde benutzt, um von einer Alp zur anderen Nachrichten zu übermitteln, und auch für religiöse Rituale“, erzählt Ma-Lou Bangerter. Alphörner bestehen aus einer ausgehöhlten Fichte und heute aus mehreren Teilen.

Die Bäsne ist eigentlich ein Besenstil, der auf der linken Schulter getragen wird. In der rechten Hand hält der Musiker ein kurzes Holzstück und klopft den Rhythmus auf dem Besenstil. Die Peitsche wird auch als Rhythmusgeber verwendet, und den Taler – genauer: ein Fünffrankenstück – lässt Bangerter in einer großen Rahmschüssel schwingen. Wenn man das Geldstück geschickt hineinwirft und die Schüssel dabei etwas dreht, dann rollt es ganz lang am inneren Rand entlang. „Das macht enormen Krach“, sagt Bangerter und strahlt.

Dem jüngsten Berliner Gesellschaftsklatsch in Sachen Schweiz möchte Mau-Lou Bangerter allerdings keinen neuen Ton hinzufügen. „Politisch ist das alles viel zu peinlich“, meint sie über die Vorgänge um ihren prominenten Eidgenossen Thomas Borer. „Wenn es in der Schweiz noch mehr Erdrutsche gibt, dann verteilt sich mein Heimatland auf ganz Europa“, grummelt sie weiter. „Ich hab dort das Weite gesucht“, sagt Bangerter und stößt in ihr Horn.

Weitere Informationen unter: www.heiterefahne.de

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