Berlin : Der Krieg im Kopf

Mehr als 1540 deutsche Soldaten sind schon mit psychischen Problemen von Auslandseinsätzen heimgekehrt – und ihre Zahl erhöht sich schnell Wolfgang Menzel ist einer von ihnen. Er war in Bosnien, nun wird er in Berlin behandelt. Die Geschichte eines Traumas

Constanze von Bullion

Die Angst ist eine lästige Gefährtin, und für einen Soldaten kann sie eine Feindin werden, die schwer zu bezwingen ist. Wolfgang Menzel zum Beispiel hat lernen müssen, dass die Angst überall lauern kann: im Motor eines Rasenmähers, der plötzlich aufjault. Im Anblick von Uniformen. Oder einfach nur in der Hitze eines Sommertags.

Wolfgang Menzel ist so ein Typ, der fröhlich wirkt und wie einer, der das Leben anzupacken weiß. Über 30 Jahre war er bei der Bundeswehr, jetzt ist er 48, ein lebhafter Mann, der zügig über seinen Backsteinhof stiefelt. „Hier“, sagt er und zeigt auf hübsch renovierte Stallungen, „das war mal eine Müllhalde.“ Menzel hat den Hof vor Jahren in einem Bilderbuchdorf in Mecklenburg entdeckt, hat die Dächer repariert, die Scheiben ersetzt, das Unkraut besiegt und aufgeräumt.

Doch, sagt er, er ist stolz auf sein Werk, und er fühlt sich wohl in dieser Idylle, wirklich. 23 Hühner hat er, Gänse, wilde Schleiereulen. Nur manchmal. Er unterbricht sich. Kommen eben diese Bilder.

„Man kann sich das nicht vorstellen“ - das ist so ein Satz, den Wolfgang Menzel öfters sagt. Er meint den Film, der losrasen kann in ihm und manchmal kaum aufzuhalten ist. Dann steht er nicht mehr hier auf dem Hof, sondern wieder in Bosnien, hört Menschen schreien, spürt das Kind in seinen Armen und die Granate in der Faust. „Wahrscheinlich siehst du nur noch einen Blitz“, schießt es ihm durch den Kopf. Aber es kommt kein Blitz, sondern Angst, die ihn umklammert hält.

„PTBS“ heißt das Leiden, das Stabsbootsmann Menzel zur Verzweiflung und aus dem Beruf getrieben hat. Das Kürzel steht für „Posttraumatische Belastungsstörung“ und ist eine Krankheit, die immer mehr Bundeswehrsoldaten von Auslandseinsätzen mitbringen. Das Phänomen, das im Ersten Weltkrieg „Kriegszittern“ hieß, wird beim Bund nicht an die große Glocke gehängt – zumal jetzt, wo es in den Kongo geht.

Mehr als 1540 deutsche Soldaten sind in den vergangenen zehn Jahren nach offiziellen Schätzungen aus Bosnien, Somalia, vermehrt aber aus dem jüngsten Einsatz in Afghanistan mit Problemen heimgekehrt, die schlecht ins soldatische Selbstbild passen: Angstneurosen, Depressionen oder Zwangsvorstellungen, die bis zur Lebensuntüchtigkeit reichen. Menschen sind das, denen der Krieg die Nerven und den Verstand zerfetzt hat. Wie viele sie wirklich sind, weiß keiner genau, nur dass sich ihre Zahl mit der steigenden Zahl der deutschen Auslandseinsätze schneller erhöht als früher. Experten sprechen von einer „Dunkelziffer“; die Hemmungen, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, seien hoch.

Vielleicht will man es ja auch nicht so ganz genau wissen, sagt Wolfgang Menzel und stößt die Tür auf zu der Welt, in die er sich jetzt gerne mal zurückzieht. Es ist dunkel und kühl in dem alten Stall, in dem er rostige Pflüge sammelt und uralte Landmaschinen, an denen er oft Stunden herumbosselt. „Nicht vor der Arbeit drücken und wenn’s nötig ist, anpacken“, das ist so ein Motto seines Lebens.

Wolfgang Menzel erzählt gern und lebhaft von früher, von seiner Kindheit in Hamburg und der Sehnsucht nach der Seefahrt, die ihn 1976 zur Marine treibt. Mal arbeitet der Krankenpfleger in der Gesichtschirurgie eines Bundeswehrkrankenhauses, mal bildet er Minentaucher aus oder testet ein U-Boot. „Ängste kannte ich überhaupt nicht“, sagt er. „Ich hab das immer gut wegstecken können.“

Als man ihn im Jahr 2000 fragt, ob er bereit ist für einen SFOR-Einsatz in Bosnien, ist er ein erfahrener Sanitäter und Unteroffizier und sagt Ja. Ein Crash-Kurs noch, bei dem er Minen kennen lernt und Schauspieler, die wütende Demonstranten spielen. Und dann Rajlovac, ein Feldlager bei Sarajewo. Auf die Wirklichkeit, sagt er, kann einen niemand vorbereiten.

Erst ist es nur die Hitze, die ihm zu schaffen macht, der Sand und das Geknatter der Stromaggregate. Menzel stapelt Sandsäcke, schafft im Lazarett, exhumiert Leichen, und irgendwann sitzt er in diesem Konvoi, der Hilfsgüter in ein Flüchtlingslager bringt. Er fährt ganz vorn, aber irgendwo biegt er falsch ab und der Konvoi bleibt stecken. Menzel steigt aus, und da beginnt dieser Film, der ihm bis heute keine Ruhe lässt.

Kinder kommen gerannt, vorneweg ein Knirps, der „bomba, bomba“ schreit und Menzel irgendwas in die Hand drücken will. Es ist eine Handgranate, der Splint ist gezogen und mit einem Griff packt der Soldat die Hand des Jungen, drückt sie fest auf die Granate und auf den Metallbügel, der eine Explosion auslöst, sobald er aufspringt. Das Kind erschrickt, es brüllt und zappelt, Menzel aber hält es mit beiden Armen fest, sieht das Dorf zusammenlaufen, hört die Leute brüllen, weil sie denken, er tue dem Jungen etwas an. Über zwei Stunden kniet der Sanitäter so in der Sonne, in voller Montur, mit dem Jungen im Schwitzkasten – und in Todesangst. „Ich kann das nicht mehr beschreiben“, sagt er und beschreibt es dann doch. Das Zittern. Die panische Angst vor dem Blitz, der ihn und das Kind gleich wegreißen wird. Die Gewissheit, dass er seine eigenen Kinder nie wiedersehen wird. „Ich hab mit dem Leben abgeschlossen.“ Menzel weint jetzt in seinem stillen Stall.

Das Bundeswehrkrankenhaus in Berlin-Mitte sieht nicht aus wie ein Hort großer Gefühle. Die Fassaden sind kantig, die Flure schmucklos, viele Möbel stammen wohl noch aus der DDR. In der Psychiatrischen Ambulanz sitzt Dr. Christina Alliger-Horn, sie ist eine junge Psychotherapeutin, die Soldaten in Lebenskrisen behandelt, vergewaltigte Soldatinnen oder verstörte Rekruten. „Wir haben jetzt vermehrt einsatzbedingte Störungen“, sagt sie. „Am schlimmsten sind Kampfeinsätze und Unfälle.“

Posttraumatische Belastungsstörungen sind keineswegs die häufigsten Fälle hier, immer aber schwerwiegende. Da gibt es Soldaten, die aggressiv geworden sind und ihre Ehe in Trümmer gelegt haben. Andere leiden unter so genannten Intrusionen und sehen dauernd Bilder von Toten vor sich. Manche befällt auch das „Numbing“, sie werden taub für Gefühle. Wieder andere können nicht mehr stillsitzen oder heulen bei jedem Tierfilm.

„Jeder Mensch hat so seine Sollbruchstelle“, sagt die Ärztin, die versucht zusammenzufügen, was ein Trauma zerrissen hat. Wie Schnipsel eines Horrorfilms schwirren Fragmente unbewältigter Erinnerung im Gehirn herum, erklärt sie. Der Patient muss lernen, sie zu einem Bild zu ordnen. Reden ist nur ein Teil der Therapie, viele reden ja Tag und Nacht, sagt die Ärztin. Sie will aber nicht nur den Kopf, sondern auch die Gefühle erreichen.

Manchmal legt sie hier gestandene Offiziere auf die Couch, damit sie sich Orte der Geborgenheit vorstellen. In einer ersten Phase der Stabilisierung lernen sie, zur Ruhe zu kommen. In der zweiten setzen sie sich mit den Ängsten auseinander, die sie verfolgen. Die dritte Phase, die „Re-Integration“ ist oft die schwierigste: Sie führt zurück ins Leben – aber viele müssen dieses Stück allein zu Ende gehen. „Es ist bekannt, dass ausgeschiedene Soldaten nicht sehr fürsorglich von der Bundeswehr betreut werden“, sagt die Ärztin.

Wolfgang Menzel denkt nicht so gern an das, was die Zukunft ihm unweigerlich bringen wird: den Tag der „Auskleidung“, an dem er vorzeitig ins zivile Leben entlassen wird. „Ich war immer loyal“, sagt er. „Für mich ist das eine riesige Enttäuschung.“ Er dehnt das Wort in zwei Silben, weil er sagen will, dass das, woran er geglaubt hat, auch eine Täuschung war: die Sache mit der Kameradschaft etwa.

Menzel ist jetzt wieder in Bosnien und hat diesen Spezialtrupp vor Augen, der ihn mit großem Aufwand von der Handgranate löst, er muss sie dann über eine gesicherte Barriere werfen. Die Granate schlägt auf, rollt ein Stück – dann Stille. Es war ein Blindgänger, und natürlich lachen sie im Feldlager bald über die verrückte Geschichte. Ein Kommandeur macht Menzel zur Schnecke, andere verspotten den „kleinen Sprengstoffexperten“ – und merken nicht, wie er vor die Hunde geht.

Nachts wälzt der Sanitäter sich jetzt rastlos herum, beißt erst Zähne kaputt und später die Prothese. Oft sitzt er stundenlang unter der Dusche. Menzel kann weder essen noch sich konzentrieren, er trinkt zu viel und spürt seine Füße nicht mehr. Man gibt ihm Psychopharmaka und lässt ihn im Dienst, auch er selbst glaubt, es irgendwie zu schaffen. Bis ein Freund nach einem Unfall verblutet. „Er hat geschrieen und mich nicht mehr losgelassen“, erzählt Menzel. Er weint wieder.

Es hat lange gedauert, bis Menzel, der selbstbewusste Soldat, sich anfreunden konnte mit dem zerbrechlichen Wesen, das in seiner Haut aus dem Krieg gekommen ist. Seine Ehe ist zerbrochen, zweimal war er in der Psychiatrie, nun hat man ihn für dienstuntauglich erklärt. Ohne die Ärzte im Bundeswehrkrankenhaus Berlin hätte er es nie geschafft, sagt er. Aber wer behandelt ihn, wenn er Frührentner wird? Er zuckt die Schultern, versucht ein Lachen. „Die lassen dich fallen wie eine heiße Kartoffel.“

Dann geht er hinaus auf seinen Hof, der in gleißender Sonne liegt. Er muss sich jetzt um die Tiere kümmern. Und der Krieg im Kopf? Ist vorbei, sagt er, hoffentlich. Wolfgang Menzel will sich nun Leute suchen, die Ähnliches durchgemacht haben. Er sieht jetzt wieder sehr entschlossen aus. Wie einer, der gelernt hat, um sich selbst zu kämpfen.

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